Transplantierte Patienten müssen (bislang) ihr Leben lang Medikamente einnehmen, damit der Körper das fremde Organ nicht abstößt. Bei den Medikamenten handelt es sich um sogenannte Immunsuppressiva, Wirkstoffe, die das Immunsystem schwächen und so Abwehrreaktionen des Körpers gegen das Organ unterbinden. Die Kehrseite der Medaille: Die Betroffenen sind anfällig für Infektionen und Krankheiten. Hinzu kommt, dass die Immunsuppression auch keinen kompletten Schutz vor Abstoßungen bietet: Das 10-Jahres-Organüberleben liegt bei 60-70% [1], was bedeutet, dass jedes dritte Organ innerhalb einer Dekade verloren geht.
Die Transplantationsforschung bemüht sich seit Jahren, die Immunsuppression zu verbessern, bzw. die bestmögliche Balance zwischen ausreichendem Schutz des Transplantats und geringstmöglicher Nebenwirkungsrate zu finden.
Ein innovativer Forschungsansatz, der die Immunsuppression nach „Gießkannenprinzip“, so wie sie derzeit Therapiestandard ist, ganz obsolet machen könnte, kommt aus der Universität Heidelberg und wurde von Prof. Dr. Martin Zeier, Kongresspräsident der 10. Jahrestagung der DGfN, in Berlin vorgestellt. Die Idee ist, das Immunsystem des Empfängers nicht zu unterdrücken, sondern es vor einer Lebendspende an das fremde Gewebe zu gewöhnen und so eine Toleranz gegenüber dem Spenderorgan herbeizuführen. Dafür werden dem Lebendspender weiße Blutkörperchen mittels Leukapherese aus dem Blut entfernt, die dann mit der Substanz Mitomycin C speziell behandelt werden. Mit diesem Verfahren (TolerogenixX-Verfahren [2]) werden sie quasi zu Antigenen umgewandelt, die passgenau eine Immuntoleranz gegenüber dem Spenderorgan erzeugen. Die manipulierten Zellen werden dem Organempfänger eine Woche vor der Transplantation als Infusion verabreicht. Im Rahmen einer Phase-1-Studie konnte bereits im Vorjahr die Sicherheit des Verfahrens bestätigt werden. Nun müssen größere Studien folgen, um die (langfristige) Wirksamkeit des Verfahrens nachzuweisen. „Wir glauben, dass wir mit diesem innovativen Verfahren das Transplantatüberleben nachhaltig verbessern können. Außerdem würde durch die Reduzierung bzw. dem Wegfall der immunsuppressiven Therapie sowie ihrer Nebenwirkungen und Langzeitfolgen die Gesundheit der Patienten weniger bzw. gar nicht belastet, was sich dann natürlich auch positiv auf die Lebensqualität auswirkt“, erklärte Zeier.
Pressemeldung: idw-online.de/de/news703087
[1] Merion RM, Goodrich NP, Johnson R, McDonald SP, Russ GR, Gillespie BW, Collett D. Kidney transplant graft outcomes in 379 257 recipients on 3 continents. Am J Transplant. 2018 Aug;18(8):1914-1923
[2] https://www.tolerogenixx.com
Buch zum Thema: Akademie Niere (Hrsg.). Lehrbuch für Nieren- und Hochdruckkrankheiten 2018. Pabst, 2018, 676 Seiten, ISBN 978-3-95853-387-5, Hardcover