Mehr als 9 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer chronischen Nierenkrankheit (CKD). Viele wissen nichts von ihrer Erkrankung, da sie lange symptomlos verläuft und Früherkennungsuntersuchungen bislang nicht ausreichend angeboten und genutzt werden. Rund 100 000 Patientinnen und Patienten sind dialysepflichtig, etwa 7000 warten auf eine Spenderniere. „Ein leistungsfähiges Primärversorgungssystem kann entscheidend dazu beitragen, CKD früher zu erkennen und ihr Fortschreiten zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten“, sagt Professor Dr. med. Martin Kuhlmann, Präsident der DGfN und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin – Nephrologie am Vivantes Klinikum im Friedrichshain in Berlin. „Dies beinhaltet, dass Menschen mit erhöhtem Risiko verlässlich identifiziert und regelmäßig gescreent werden.“ Er fordert: „Eine klare Strategie muss Früherkennung und fachgerechte Versorgung zusammenführen.“
Früherkennung verbindlich verankern
Menschen mit Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben ein erhöhtes CKD-Risiko und sollten jährlich untersucht werden. Dies erfolgt durch eine Blutuntersuchung zur Bestimmung der Nierenfunktion (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate, eGFR) und durch die Messung der Albuminausscheidung im Urin (UACR). „Diese beiden einfach zu bestimmenden Parameter müssen verbindlich in die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie und die Anforderungen an Disease-Management-Programme des Gemeinsamen Bundesausschusses sowie in weitere Regelungen zur Primärversorgung aufgenommen werden“, so Kuhlmann. Die Gesundheitsberufe benötigten zudem ausreichende Kompetenzen, um CKD sicher zu diagnostizieren, leitliniengerecht zu behandeln und Betroffene rechtzeitig an die Nephrologie zu überweisen.
Zugang zur Nephrologie sichern
DGfN und DN fordern strukturierte, digital unterstützte Versorgungspfade zwischen hausärztlicher und nephrologischer Betreuung. Die Primärversorgung dürfe keine zusätzliche Zugangshürde darstellen. Für Menschen mit fortgeschrittener oder rasch fortschreitender Nierenkrankheit, akuter Verschlechterung der Nierenfunktion oder anderen schweren Befunden müsse ein direkter Zugang zur Nephrologie gewährleistet sein. „Bei Dialysepatientinnen und -patienten, nierentransplantierten Menschen sowie bei komplexen oder weit fortgeschrittenen Nierenkrankheiten übernehmen Nephrologinnen und Nephrologen bereits heute koordinierende Aufgaben im Sinne eines Primärarztes“, betont Kuhlmann. „Diese koordinierende Funktion muss auch weiterhin ausdrücklich möglich sein. Das vermeidet Doppelstrukturen und stärkt die Kontinuität der Versorgung.“
Digitale und regionale Vernetzung ausbauen
Die Fachgesellschaft fordert zudem, dass die elektronische Patientenakte, gemeinsame Medikationspläne und sichere Kommunikationswege flächendeckend genutzt werden müssten. Regionale Netzwerke und tele-medizinische Angebote könnten den Zugang zu nephrologischer Expertise insbesondere im ländlichen Raum verbessern.
Weiterführende Literatur