Suche Detailansicht DOI
Bestätigung des Status-Codes (nur bei kostenpflichtigem Kauf)
Psychologie & Gesellschaftskritik, 2025.49:113-135
Kapital und Psyche in der Polykrise: Vom kontemplativen Fatalismus zum überkompensatorischen Über-Es
Zusammenfassung:
Die psychische Reaktion auf die Krise des ökologischen Erdsystems scheint mehrheitlich von Verleugnung (denialism) zu Defätismus (defeatism) übergegangen: Während bereits die Stichhaltigkeit und Relevanz des Problems noch bis vor wenigen Jahren breitenwirksam abgestritten wurde, gilt etwa das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels inzwischen als globalpolitisch betrachtet unwahrscheinliche und damit überholte, nicht länger realistische, beinahe utopische Option (1). Dieser Artikel möchte jenen Befund tieferlegen, indem er die psychopolitische Fundamentaldisposition von Denialism und Defeatism in der Synthese eines kontemplativen Fatalismus nachweist (2). Kontemplativen Fatalismus – als ›zuschauende‹ Ergebenheit ins Schicksal – detektierte Georg Lukács bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im weberschen Heroismus eines neonietzscheanischen ›amor fati‹ gegenüber dem kapitalistischen ›stahlharten Gehäuse‹. In diesem Ausgeliefertsein einer vermeintlich höheren Macht gegenüber bleibt den verohnmächtigen Subjekten die überkompensatorische Option, sich mit dem anonymen Hauptaggressor – dem Kapital – anonym zu identifizieren (3). Das Ergebnis dessen ist, wie dieser Artikel weiter argumentiert, ein kapitalinduziertes Über-Es, das von der Lust auf Selbstausbeutung (inklusive Burnout) über den halbierten Hedonismus konsumistisch manipulierter Begehrnisse bis zur rechtsextremen Massenenthemmung gegen noch Schwächere – Sündenböcke – wie gegen die eigenen ökologischen Grundlagen reicht. Hinter der scheinbaren Losgelassenheit von gesellschaftlichen Normen ist jenes kapitalinduzierte Über-Es jedoch ›unbewusstes Subjekt‹, das die bürgerliche Norm der Normalisierung nur um eine kapitalistische Norm des Nihilismus ergänzt (4). Die eigentliche Befreiung vom kapitalistisch normierten Über-Es wäre damit weniger das klassische Es als ein kritisches Ich, das es nur als sozial-somatisches Individuum geben kann. Es braucht insofern gegen die kapitalistische Polykrise, zu der jene des ökologischen Erdsystems intrinsisch hinzugehört, weniger neue Normen, die das Über-Es bloß oberflächlich bzw. peripher beleitplanken, als eine neue Vermittlung zwischen Es und Über-Ich, zwischen Leib und Sozialität, die erneut Ich hieße und die ihre rationale Urteilskraft aus Bedürfnissen speiste, die nicht gegen sich selbst entfremdet wären (5).
Schlüsselwörter: