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Sternchen, Gap und Binnen-I – „faire“ Schreibweisen auf dem Weg in die Alltagssprache?

Das „Gendersternchen“ (*) ist in diesen Tagen zum Anglizismus des Jahres 2018 gewählt worden. Eine gute Lösung einer geschlechterfairen Schreibweise – oder übertrieben, umständlich und schlecht lesbar? Prof. Anke Huckauf (Universität Ulm) und Kollegen haben verschiedene Varianten der geschlechterfairen Schreibung in den Blick genommen und sie einer psycholinguistischen Untersuchung unterzogen. Ihre Ergebnisse sind nachzulesen im Sammelband „Geschlecht und Verhalten aus evolutionärer Perspektive“ (hrsg. von C. Schwender, S. Schwarz, B.P. Lange und A. Huckauf).

Studenten, Kunden, Leser – die deutsche Sprache ist ursprünglich durch die Verwendung des sog. „generischen Maskulinums“ geprägt: Um eine Gruppe oder Allgemeinheit zu bezeichnen, wird die männliche Form verwendet. Seit geraumer Zeit gibt es Bestrebungen, die Geschlechtergerechtigkeit, um die in der Gesellschaft noch immer gerungen wird, auch in die Sprache zu übertragen. Die öffentliche Debatte um geschlechtergerechte Schreibung ist laut der Autorinnen und Autoren stark ideologisch und emotional geprägt. Um dem Ganzen sachlich gegenüberstehen zu können, haben sie die verschiedenen Schreibweisen objektiv auf Lesbarkeit und Verständnis untersucht.

Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten der Schreibung: das Binnen-I (StudentIn), den Gender-Stern (Student*in), den Gender-Gap (Student_in) sowie das Gender-X (StudX). Huckauf und Kollegen (oder KollegInnen, Kolleg_innen, Kolleg*innen) präsentierten die „geschlechterfairen“ Schreibungen sowie die bisherige Variante des generischen Maskulinums den Versuchspersonen ihrer Stichprobe und erhoben verschiedene Aspekte der Wahrnehmung, z.B. Lesezeit, Leseverständnis oder Zweckmäßigkeit.

Ergebnisse: Es zeigte sich u.a., dass die geschlechterfairen Schreibungen einen tendenziell gegenteiligen Effekt zum generischen Maskulinum hervorbringen: Eine stärkere Assoziation mit weiblichen Personen wird erzeugt. In puncto „sinnvolle Schreibung“ präferierten die Versuchspersonen das generische Maskulinum, gefolgt von Binnen-I und Gender*Stern. Auch bei der Lesbarkeit war diese Reihenfolge zu beobachten. Nicht auszuschließen ist natürlich, dass diese Ergebnisse auch auf die Vertrautheit zurückzuführen sind – ist doch die männliche Form auch heute noch die mit Abstand häufigste Verwendung. Damit ist vermutlich auch die tendenzielle „Unbeliebtheit“ des Gender-X im Test zu begründen, kommt es doch im Alltag relativ selten vor.

Huckauf und ihr Team sind der Meinung, dass die Tatsache, dass mehrere geschlechtergerechte Schreibungen existieren, der Etablierung dieser im Wege steht. Eine Vertrautheit mit Schreibung und Verwendung kann so nur langsam erfolgen. Bei einer Entscheidung für eine der Möglichkeiten präferieren sie auf Grundlage ihrer Untersuchungen den Gender*Stern.

Sie machen auch darauf aufmerksam, dass durch die „gerechte“ Schreibung wiederum dem Faktor Geschlecht eine erhöhte Bedeutung zugewiesen wird, die „dem Gleichstellungsziel unter Umständen nicht förderlich sein könnte“. Eine „Neutralisierung“ sei zwar wünschenswert, hätte aber eine grundlegende Änderung der Sprache zur Folge. Zunächst gilt aber folgende Feststellung: „Nützlich ist eine Schreibung nur dann, wenn sie auch angewendet wird.“  

Literatur:

Huckauf, A., Hensel, L., Oberzaucher, E., Ehlers, J.: Okulomotorik und Lesefluss beim Lesen von Texten in geschlechterfairer Schreibung. In: C. Schwender, S. Schwarz, B.P. Lange, A. Huckauf (Hrsg.), Geschlecht und Verhalten aus evolutionärer Perspektive. Band VI der Reihe „Die Psychogenese der Menschheit“. Pabst 2019, ISBN 978-3-95853-455-1, Hardcover

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