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Kranke High-Performer: wie Psychotherapie kontinuierlich scheitert

Wenn Achim sich unter freiem Himmel befindet, kann ihn die Empfindung überkommen, als würde er nach oben gerissen - von einem magischen Sog des Horizonts. Achim ist in wechselnder psychotherapeutischer Behandlung und arbeitet seit einem halben Jahrzehnt erfolglos an seiner Dissertation. Prof. Dr. Dr. Andreas Hillert, Psychotherapeut und Psychiater, berichtet detailliert über Achim und vier weitere "High-Performer", denen die überforderte Psyche den geplanten Karriereweg versperrt. Die authentischen Berichte allesamt erfolgloser bis desaströser Behandlungsverläufe stellen kritische Fragen an das Selbstverständnis der psychotherapeutischen Professionen.

Als Jugendlicher wurde Achim von einer zwanghaft einhegenden Mutter traktiert - und rastete schließlich gewalttätig aus. Ein Psychiater diagnostizierte zügig eine autistische Störung samt Asperger-Syndrom. Eine leitliniengerechte stationäre Behandlung mündete in eine passable Entspannung: Achim erlernte " die Kunst scheinbarer interaktioneller Schwerelosigkeit, aus der er nur abstürzte, wenn Systeme entweder brüchig wurden oder ihn zu Verbindlichkeiten zwingen sollten."

 

Nach einem vorzüglichen Abitur begann Achim sein Studium. Er erkannte selbst seine miserablen Leistungen und vertraute sich - in der Suche nach Halt - einem väterlichen Psychoanalytiker an. Der schloss seine Analyse mit dem Befund ab, sie sei zwar erfolgreich verlaufen; doch die Abwehr des Analysanden sei so stark, dass ein neuer therapeutischer Ansatz verfolgt werden müsse.

 

"In den anschließenden zwei Jahren hielt sich Achim gewissermaßen mit einer tiefenpsychologischen Therapie über Wasser. Neben diesen therapeutischen Sitzungen, von denen er sich langfristig viel und nichts versprach," arbeitete er so unkonzentriert wie ergebnislos an seiner Dissertation. Seine Panikattacken und Angstsymptomatik - v.a. unter freiem Himmel - nahmen dramatisch zu. Der Therapeut sah keine Chancen für eine tiefenpsychologische Behandlung und empfahl einen Verhaltenstherapeuten.

 

"Achims offenkundige Distanz zu seinen Mitmenschen diagnostizierte der neue junge Therapeut als Paranoide Persönlichkeitsstörung. Die Problemkonstellation, die hier im sokratischen Dialog erarbeitet wurde, lag auf der Hand. Die Art der gemeinsamen Analyse machte beiden Spaß, zumindest solange sie schöne Theorie blieb ... Achims paranoider Modus diente demnach der Vermeidung von Konflikten, denen er sich aus lerngeschichtlichen Gründen nicht gewachsen sah. Um handlungsfähig zu werden, galt es, diese Schemata zu reflektieren - als Basis für Lösungen." Achim zeigte sich in den Therapiesitzungen - Exposition inclusive - vorbildlich und beteuerte, auf Psychopharmaka (Tavor) sowie Alkohol zu verzichten.

 

Doch er nahm beides und erwachte eines Tages nach einer Überdosis in der örtlichen Klinik. Die Überweisung in die stationäre Psychiatrie war indiziert. Sechs Behandlungswochen standen zur Verfügung: Medikamenten- und Alkoholentzug, Gespräche, Einzel- und Gruppentherapie, Exposition usw.. Die Zeit war zu kurz, der Klient verließ die Klinik frustriert mit Kritik an den ärztlichen Leistungen.

 

Hillert: "Der Ansatz dieses Buches war es, Schicksale zu beschreiben und dabei Scheitern angesichts komplexer Fälle programmatisch einzugestehen, natürlich auch mein Scheitern. Kollegen hätten es vermutlich anders, besser, erfolgreicher gemacht?"

 

Literatur:

Andreas Hillert: High-Performer in der Abseitsfalle. Psychotherapie und seelische Gesundheit im Zeitalter kategorischer Optimierung. Pabst 2018, 188 Seiten. ISBN Paperback 978-3-95853-397-4. ISBN eBook 978-3-95853-398-1


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