Bei Operationen an der Lunge muss der Lungenflügel, der operiert wird, gezielt stillgelegt und der andere mechanisch beatmet werden. Dieser Vorgang wird als Ein-Lungen-Beatmung bezeichnet. Dies führt zu einer erhöhten mechanischen Belastung des beatmeten Lungenflügels und damit zu einem erhöhten Risiko für postoperative pulmonale Komplikationen wie Atemversagen und Lungenentzündungen. Welche Beatmungsstrategie das Auftreten dieser Komplikationen bei großen Lungenoperationen reduzieren kann, war bisher nicht geklärt.
In der PROTHOR-Studie, maßgeblich initiiert und geleitet von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des UKD und der Medizinischen Fakultät der TU Dresden, wurde nun untersucht, ob eine Beatmung mit einem höheren positiven endexspiratorischen Druck (PEEP) und Rekrutierungsmanövern das Risiko für Lungenkomplikationen im Vergleich zu einer Strategie mit niedrigerem PEEP ohne solche Manöver senken kann. Als PEEP wird der Druck bezeichnet, der am Ende der Ausatmung in der Lunge besteht. Rekrutierungsmanöver bewirken die Wiedereröffnung von verschlossenen Lungenbläschen. Gleichzeitig kann sich jedoch ein erhöhter PEEP und Rekrutierungsmanöver negativ auf den Blutdruck auswirken. Über acht Jahre hinweg wurden dazu 2.200 Patientinnen und Patienten an 74 Zentren in 28 Ländern untersucht.
Im Ergebnis führte eine Beatmung mit erhöhtem PEEP und Rekrutierungsmanövern zu einem besseren Gasaustausch in der Lunge wohingegen ein niedrigerer PEEP mit stabileren Kreislaufverhältnissen während der Narkose verbunden war. Das Auftreten postoperativer Lungenkomplikationen unterschied sich nicht zwischen den Gruppen. Die Auswahl des jeweiligen Beatmungskonzeptes sollte daher individuell und unter sorgfältiger Abwägung der jeweiligen Patientenbedingungen während der Operation erfolgen.
„Diese neuen Forschungsergebnisse ermöglichen eine Verbesserung der Beatmung während komplexer Lungeneingriffe und tragen zur Patientensicherheit bei. Die PROTHOR-Studie zeigt, welche Verantwortung wir in der Patientenversorgung übernehmen“, sagt Prof. Uwe Platzbecker, Medizinischer Vorstand am Universitätsklinikum.
„Die Hochschulmedizin Dresden steht für den engen Austausch zwischen Forschung und klinischer Versorgung. Die PROTHOR-Studie beweist dies eindrücklich und setzt Maßstäbe weit über Deutschland hinaus“, sagt Prof. Esther Troost, Dekanin der Medizinischen Fakultät an der TU Dresden.
„Dieser Erfolg ist nur durch die enge, engagierte Zusammenarbeit von 248 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von vier Kontinenten möglich gewesen. Allen Beteiligten gilt unser großer Dank – ohne ihren Einsatz hätte diese Studie nicht realisiert werden können“, betont Dr. Jakob Wittenstein, internationaler Koordinator und Erstautor der Studie.
„Unserer Klinik ist es ein besonderes Anliegen, Erkenntnisse aus der klinischen Forschung in die Regelversorgung zu überführen. Deshalb leiten und fördern wir große internationale Studien wie die PROTHOR-Studie“, sagt Klinikdirektorin Prof. Thea Koch.
„Gerade bei solchen komplexen Eingriffen ist die Narkose und differenzierte Beatmung mitentscheidend für den Behandlungserfolg. Die PROTHOR-Studie zeigt auch uns Chirurgen: Es gilt individuell die optimale Beatmungsstrategie festzulegen, um die Sicherheit der Patientinnen und Patienten zu erhöhen“, sagt Dr. Alexander Kern. Er ist seit Oktober als weiterer Experte in der Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Dresden tätig.
Quelle: https://idw-online.de/de/news863229
Weiterführende Literatur