Im naiven, positivistischen - und oft komischen - Realismus "erlebt man fatalerweise eine zunehmende und irreversible Beeinträchtigung der Kompetenz des Geistes, der, in seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten immer stärker der Erosion ausgesetzt, fast zur Allegorie eines leicht närrischen Kindes wird... Natürlich bringt diese Auffassung von Wissenschaft einige unvermeidliche Begleiterscheinungen mit sich, darunter - als unmittelbarste - die Theorie über die Schädlichkeit der Phantasie für die wissenschaftliche Arbeit und - in syllogistischem Schluss - über die absolute Verschiedenartigkeit von Wissenschaft und Kunst."
Gelegentlich trifft Celli als Professor für Entomologie im Labor "einen Forscher, der, den willensstarken Mund zu einer Grimasse der Überlegenheit verzogen, sagt: ´Ich habe keine Phantasie´. Es wäre ein laienhafter Irrtum, diese Aussage für das Eingeständnis einer Grenze zu halten, im Gegenteil: sie ist Ausdruck des Eigenlobs und der Selbstbestätigung ... In Wirklichkeit hat die Epistemologie des 20. Jahrhunderts, z.B. die von Popper und Medawar, die gleichzeitig positivistisch wie idealistisch geprägte Auffassung längst von Grund auf unterminiert ..."
Für Celli steht am Anfang einer Forschung meist "eine geistige Spinnerei, an deren Herausbildung vieles mitwirkt: die Kultur der Epoche, der Stand der Disziplin, Einbildungskraft und Psychologie, also die Persönlichkeit des Forschers, die verfügbaren Informationen und Instrumente, die Interventionen des Zufalls sowie die Anregungen und die Zensur des Unbewussten, die Blockierungen verursacht (Vesalio, der große Anatom, hatte keinen Blick für die weiblichen Geschlechtsorgane) oder ´hellseherische Träume´ schickt.
Man weiß allerdings - ein Beweis für die grundsätzliche Ähnlichkeit zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Tätigkeit - , dass der Traum häufig der ´heimliche´ Anreger der Entdeckung ist. So fand Henri Poincare die Lösung eines mathematischen Problems, das ihn bedrängte, im Lauf einer nächtlichen Träumerei; er legte die Existenz einer Gruppe Fuchsscher Funktionen fest, die aus der hypergeometrischen Reihe abgeleitet werden. Kekule träumte, am Kamin eingeschlafen, von einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt; dieses Bild wies ihm den Weg: der Benzolring war entdeckt."
In seinem Vorwort notiert Umberto Eco: "Cellis Essays sprechen von einer Wissenschaft, die zweifellos Wissenschaft ist, eine Aneinanderreihung aufgespießter Fakten und Entdeckungen, eine Sinfonie der Geschichte der Erfindungen und Intuitionen der Großen, aber eine Wissenschaft aus halb geschlossenen Augen betrachtet, möglicherweise mit einem Glas Alkohol in der Hand, wodurch bestimmte, präzisere Konturen fallengelassen, Schauplätze dezentralisiert und Peripherien, Ränder und Kleinigkeiten erfasst werden, die sich als Offenbarungen erweisen. Texte, bestehend aus schlagfertigen Antworten, Aphorismen, Flashes und Gags, aus bewundernswerten Umgehungen der Systeme..."
Giorgio Celli: Der letzte Alchemist - Betrachtungen über Komik und Wissenschaft.
Vorwort von Umberto Eco.
ComMedia&Arte/Pabst Publishers, 216 S. Paperback, Print 978-3-95853-858-0