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DHS Jahrbuch Sucht 2026, 87-117
Medikamente – Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial
Zusammenfassung:
Medikamente, die eine kurzfristige positiv erlebte psychische Wirkung erzeugen, können ein Abhängigkeitspotenzial haben. Dies trifft auf circa 4 % bis 5 % der häufig verordneten Arzneimittel zu. Zahlen zu Arzneimittelabhängigkeit in Deutschland sind ungenau, da Medikamentenverordnungen nur unvollständig erfasst werden, die Suchtmittel auch über den Schwarzmarkt bezogen werden können und Schätzungen auf Selbstberichten und Hochrechnungen beruhen. Extrapolationen gehen von 1,5 bis 1,9 Millionen Medikamentenabhängigen in Deutschland aus. Die häufigste Medikamentenabhängigkeit betrifft Benzodiazepine und die mit ihnen verwandten sogenannten Z-Substanzen. Die Verordnungszahlen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sinken kontinuierlich, jedoch werden diese Medikamente in großem Umfang auch für gesetzlich krankenversicherte Personen auf Privatrezepten verordnet. Diese beruhigenden und schlaffördernden Medikamente werden entgegen den Empfehlungen zu häufig langfristig und insbesondere betagten Menschen verordnet. Ältere Personen sind aber in besonderer Weise durch Risiken bedroht, wie Verlangsamung der kognitiven Funktionen, Erhöhung des Demenz- und Sturzrisikos sowie Verminderung von Sport und Bewegung. Die zweitwichtigste Medikamentengruppe mit Abhängigkeitspotenzial sind Opioide, deren Verordnung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung kontinuierlich ansteigt. Fentanyl, auch in Form von Pflastern, spielt eine wichtige Rolle. Eine zweifelsfreie Indikation für Opioide besteht für tumorbedingte Schmerzen und für starke Schmerzen mit vorübergehender Dauer, etwa nach Verletzungen und Operationen. Bei Schmerzen unklarer oder psychogener Ursache sind Opioide kontraindiziert. Eine längerfristige Verordnung bei nicht-tumorbedingten Schmerzen führt aufgrund der Gegenregulation des Körpers nicht nur zu einem Wirkverlust mit der Folge von Dosissteigerung, sondern zu einer Erhöhung der Schmerzempfindlichkeit. Eine sichere Verordnung von Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial beinhaltet einen Gesamtbehandlungsplan, eine sorgfältige vorherige Abklärung der Suchtanamnese und Aufklärung über das Abhängigkeitsrisiko, eine präzise Definition und Überprüfung des Behandlungsziels und eine von Beginn an festgelegte kurze Behandlungsdauer. Eine Verordnung „bei Bedarf“ als Versuch, die eingenommene Menge möglichst gering zu halten, bedeutet zugleich, die Betroffenen anzuleiten, das eigene aktuelle Befinden zu bewerten und hierauf mit der oralen Einnahme einer psychotropen Substanz zu reagieren, was ein Einstieg in ein suchttypisches Verhaltensmuster sein kann. Bei bestehendem Medikamentenmissbrauch oder -abhängigkeit bietet das differenzierte Suchthilfesystem vielfältige Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten. Ein Benzodiazepinentzug birgt relevante medizinische Risiken, sodass die Indikation für eine stationäre Behandlung geprüft werden muss.
Abstract:
Medications that produce a short-term positively experienced psychological effect may have addictive potential. This applies to approximately 4% to 5% of commonly prescribed drugs. Data on prescription drug dependence in Germany are imprecise, as medication prescribing is only incompletely recorded, substances can also be obtained via the black market, and estimates are based on self-reports and projections. Extrapolations assume that between 1.5 and 1.9 million people in Germany are dependent on medications. The most common drug dependence involves benzodiazepines and the related socalled Z-drugs. Prescription volumes reimbursed by the statutory health insurance system (GKV) declined steadily; however, these medications continue to be prescribed to a considerable extent on private prescriptions, including for patients with statutory health insurance. Contrary to clinical recommendations, these sedative and hypnotic agents are frequently prescribed on a long-term basis, particularly to older adults. Elderly individuals are especially vulnerable to associated risks, including cognitive slowing, an increased risk of dementia, reduced physical activity, and an elevated risk of falls. The second most important class of medications with addictive potential comprises opioids, whose prescriptions reimbursed by statutory health insurance have been steadily increasing. Fentanyl, including transdermal formulations, plays a significant role. Clear indications for opioid therapy exist for cancer-related pain and for severe pain of limited duration, such as following injuries or surgical procedures. Opioids are contraindicated in pain of unclear or psychogenic origin. Long-term opioid prescribing for non-cancer pain leads not only to loss of efficacy due to physiological counter-regulation with subsequent dose escalation, but also to increased pain sensitivity. Safe prescribing of medications with addictive potential requires a comprehensive treatment plan, careful prior assessment of substance use history, and patient education regarding the risk of dependence. It also involves a precise definition and ongoing evaluation of treatment goals, as well as a clearly defined, short treatment duration from the outset. Prescribing medication “as needed” in an attempt to minimize intake simultaneously instructs patients to assess their current subjective state and to respond by orally ingesting a psychotropic substance, which may constitute an entry point into addictive behavioral patterns. In cases of existing medication misuse or dependence, the differentiated addiction treatment system offers a wide range of counseling and treatment options. Withdrawal from benzodiazepines entails relevant medical risks, making it necessary to consider the indication for inpatient treatment.