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    Statement der Charité: Klinische Befunde weisen auf Vergiftung von Alexei Nawalny hin

    Seit dem Wochenende behandeln Ärztinnen und Ärzte der Charité – Universitätsmedizin Berlin Alexei Nawalny. Der Patient befindet sich auf einer Intensivstation und ist weiterhin im künstlichen Koma. Sein Gesundheitszustand ist ernst, derzeit besteht jedoch keine akute Lebensgefahr.

    Das Ärzte-Team hat den Patienten nach seiner Ankunft eingehend untersucht. Die klinischen Befunde weisen auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin. Die konkrete Substanz ist bislang nicht bekannt und es wurde eine weitere breitgefächerte Analytik initiiert. Die Wirkung des Giftstoffes, d.h. die Cholinesterase-Hemmung im Organismus, ist mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen.

    Entsprechend der Diagnose wird der Patient mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. Der Ausgang der Erkrankung bleibt unsicher und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.

    Die behandelnden Ärzte sind mit der Ehefrau von Alexei Nawalny in engem Austausch. Im Einvernehmen mit seiner Ehefrau geht die Charité davon aus, dass die öffentliche Mitteilung zum Gesundheitszustand in seinem Sinne ist.
     

    Charitè:  Pressemitteilung 24.8.2020

    Erläuterung:

    Zur Gruppe der Cholinesterase-Hemmer gehören einerseits Insektizide wie z.B. E605 und anderseits chemische Kampfstoffe, z.B. Sarin, Soman, Tabun. Sie blockieren das parasympathische Nervensystem und unterbrechen die Übertragung von Nervenimpulsen. Die Kampfstoffe werden durch die Haut oder über Atemwege aufgenommen, lassen sich also relativ unauffällig applizieren. Sehstörungen, extremer Tränen- und Speichelfluss, Schweißausbrüche, Kopfschmerzen sind die Erstsymptome. Es folgen u.a. Erbrechen, Verwirrtheit, Atemnot, Bewusstlosigkeit. Atemlähmung oder Kreislaufkollaps können zum Tod führen. 

    RIA Nowosti widerspricht der Charite-Stellungnahme: Die Ärzte in Omsk hätten zunächst gleichfalls eine Vergiftung vermutet und daher Nawalny mit zwei Dosen Atropin behandelt. Gleichzeitig sei sein Blut auf ein breites Spektrum an Drogen, synthetischen Substanzen, Psychodysleptika und Pharmazeutika incl. Cholinesterase-Hemmern untersucht worden - ohne positiven Befund. Daraufhin sei die Atropin-Gabe abgebrochen worden, um die toxischen Nebenwirkungen des Präparats zu vermeiden. Eine fundierte Diagnose sei in Omsk nicht gestellt worden.

     

    Literatur zum Thema:

    Seyffart, G, Giftindex – Die Therapie der akuten Intoxikationen

    Pabst, 1996, 686 Seiten, ISBN 978-3-931660-45-1

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