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    „Ein Tropfen auf dem heißen Stein“ – keine Trendwende bei der Organspende in Sicht

    Die Transplantationsmedizin „krankt“ nach wie vor an einem eklatanten Organmangel. Auch ein kurzzeitiger Anstieg der Organspenderzahlen im Jahr 2019 darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Situation für die Menschen, die auf ein Organ warten, nach wie vor desolat ist. Jedes Jahr werden über 1.000 Patientinnen und Patienten von der Warteliste genommen – entweder, weil sie zwischenzeitlich verstorben oder nicht mehr für eine Transplantation geeignet sind. Viele europäische Nachbarn transplantieren auch Organe von Spendern nach Herztod, um die Zahl der zur Verfügung stehenden Organe zu erhöhen. Laut DTG ist es an der Zeit, in Deutschland eine Diskussion über diese Möglichkeit anzustoßen.

    Obwohl die Transplantationsmedizin in Deutschland weiterhin durch erhebliche Schwierigkeiten bei der Versorgung von Patienten, die auf die lebensrettende Transplantation eines Organs angewiesen sind, gekennzeichnet ist, hat seit März 2020 die SARS-CoV-2 Pandemie die prekäre Situation in den Hintergrund gedrängt.

    Doch nach wie vor ist die Spenderrate in Deutschland (Daten der Stiftung Eurotransplant, ET, 2019) mit 10.8 Spendern pro 1 Million der Bevölkerung mit Ausnahme von Luxemburg (8.1 pro 1 Million) die mit Abstand niedrigste unter den Eurotransplant Mitgliedsländern. Sie lag hingegen bei 20,3 in Österreich und sogar bei über 27 in Belgien.

    Dabei verzeichnete Deutschland zwar gegenüber 2017 (797 Spender) einen Zuwachs auf 932 Spender 2019, der aber im Vergleich zu 2018 (955 Spender) wieder rückläufig war (Daten der Deutschen Stiftung Organtransplantation, DSO). „In manchen Medien wurde bereits eine Trendwende in der Organspende bejubelt, de facto ist der Anstieg aber ein Tropfen auf dem heißen Stein, angesichts der vielen Patientinnen und Patienten, die vergeblich auf ein Organ warten“, erklärte Prof. Christian Strassburg, Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) auf der 29. Jahrestagung seiner Fachgesellschaft. „Wir sehen, dass viele Patienten, ohne ein Organ erhalten zu haben, von der Warteliste genommen werden – sei es, weil sie bereits „zu krank“ für eine Transplantation oder verstorben sind.“

    Ende 2019 waren in Deutschland 9.005 Personen in den Wartelisten zur Organtransplantation. Aktive Wartelistenpatienten für eine postmortale Spende in Deutschland waren damit im Vergleich zu den Vorjahren rückläufig (2017 waren es noch 10.110). Der Vergleich von Abgängen von der Warteliste durch Tod oder Gründe, die gegen eine Transplantation sprechen („unfit“), im Vergleich zu (postmortalen) Transplantationen zeigt einen großen Anteil ohne Transplantation. Insgesamt wurden fast 3.543 Patienten von der Warteliste transplantiert, 1.095 verstarben oder wurden medizinisch als nicht mehr transplantabel eingestuft. „Man kann also sagen, dass bei einem von 4-5 Patienten das lebensrettende Organ nicht rechtzeitig kommt“, so der Bonner Transplantationsmediziner. „Hinzu kommt, dass die Zahl der Wartelistenpatienten in keinem Verhältnis zu dieser Zahl an schwer erkrankten Personen steht und damit eine vermutlich beunruhigend hohe Zahl an Lebensjahren und ein hohes Maß an Lebensqualität verloren geht.“

    Nach dem Scheitern der Widerspruchslösung für die Organspende in Deutschland sei es daher eine unverändert wichtige Aufgabe, weiter auf eine Erhöhung von Spenderzahlen hinzuwirken. Die Frage, die sich stellt, ist: Was machen andere europäische Länder anders, die höhere Spenderraten erreichen? „Viele dieser Länder haben die Widerspruchslösung, aber nutzen auch andere Optionen, um die Zahl der zur Verfügung stehenden Spenderorgane zu erhöhen.“ Ein Beispiel dafür sei die Spende nach Herztod („donation after cardiac death“, DCD), die in Deutschland nicht legal ist. Im Jahr 2019 wurden in den Niederlanden 147, in Belgien 106 und in Österreich 17 DCD-Organe (insgesamt 270) transplantiert.

    „Angesichts der Tatsache, dass die Situation in Deutschland für Patientinnen und Patienten, die auf ein Organ warten, unverändert schlecht ist, benötigen wir eine ergebnisoffene Diskussion zu dieser Möglichkeit, die bereits in vielen Ländern erfolgreich eingesetzt wird“, so Prof. Strassburg. „Wenn wir nichts ändern, wird auch keine Trendwende kommen. Die Frage, wie lange wir es als Gesellschaft noch moralisch rechtfertigen können, dass jedes Jahr über tausend Menschen von der Warteliste genommen werden und sterben, weil wir nicht handeln, darf nicht länger ausgeklammert werden. Wir wünschen uns endlich eine ehrliche Debatte.“

    Pressemitteilung: https://idw-online.de/de/news755966