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    Arzneiengpass in der Intensivmedizin: Kliniken stellen Medikamente selbst her.

    Mitten in der Krise gehen lebenswichtige Medikamente aus – eine nicht auszudenkende Katastrophe! Es klingt unvorstellbar: Auch bei uns in Deutschland bestehen im Moment teils schwierige Arzneimittelengpässe. Eines dieser Medikamente ist Midazolam: überlebensnotwendig für beatmete Patienten auf Intensivstationen. Um die Versorgung in Deutschland sicherzustellen, haben sich die Apotheken zwölf deutscher Krankenhäuser vernetzt und stellen das Sedativum nun selbst her. Die beispiellose Entlastungsaktion, die das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) e. V. gemeinsam initiierten, wird vom Universitätsklinikum Erlangen aus geleitet.

    Mitten in der Krise gehen lebenswichtige Medikamente aus – eine nicht auszudenkende Katastrophe! „Es klingt unvorstellbar, ist aber leider Fakt: Auch bei uns in Deutschland bestehen im Moment teils schwierige Arzneimittelengpässe. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch einmal verschärft“, berichtet Prof. Dr. Frank Dörje, Chefapotheker des Universitätsklinikums Erlangen. Eines dieser Medikamente ist Midazolam: überlebensnotwendig für beatmete Patienten auf Intensivstationen – aber derzeit nur eingeschränkt lieferbar. „Der Weltmarkt ist leer gekauft“, schildert Prof. Dörje die aktuelle Lage. „Um die Versorgung in Deutschland sicherzustellen, haben sich die Apotheken zwölf deutscher Krankenhäuser vernetzt und stellen das Sedativum nun selbst her.“ Die beispiellose Entlastungsaktion, die das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) e. V. gemeinsam initiierten, wird von Erlangen aus geleitet: Prof. Dörje und sein Team koordinieren die deutschlandweite Produktion und Abgabe, um einen substanziellen Versorgungsengpass zu verhindern.

    „Dass die Bundesrepublik Deutschland im April überhaupt noch zehn Kilogramm des Wirkstoffs kaufen konnte, war eine organisatorische und logistische Meisterleistung“, sagt Ralph Heimke-Brinck, der in der Apotheke des Uni-Klinikums Erlangen den Bereich Arzneimittelherstellung leitet. „Gemeinsam mit professionellen Wirkstoffbeschaffern aus der Industrie sind wir im ständigen gegenseitigen Informationsaustausch selbst auf dem Weltmarkt auf die Jagd nach dem Wirkstoff gegangen. Schließlich erhielten wir ein Angebot aus Israel, wo sich die Corona-Pandemie zu dem Zeitpunkt gerade erst ausbreitete. Nur weil das Bundesministerium den Kaufvertrag binnen Stunden unterschrieb, konnten wir den Wirkstoff aus Israel noch erwerben.“

    Zwölf Herstellungsorte in ganz Deutschland
    Prof. Dörje, derzeit ADKA-Präsident, und Ralph Heimke-Brinck, Vorsitzender des ADKA-Ausschusses „Herstellung und Analytik“, holten in kürzester Zeit elf weitere Krankenhausapotheken mit ins Boot. „Ausschlaggebend waren deren Herstellungsmöglichkeiten und -kompetenz“, erklärt Ralph Heimke-Brinck. „Um im Bedarfsfall eine schnelle Belieferung in Not geratener Krankenhäuser gewährleisten zu können, haben wir die Produktionsstandorte strategisch über das ganze Bundesgebiet verteilt.“ An der einmaligen Aktion zur Entlastung der sehr angespannten Situation sind nun Experten für die Arzneimittelherstellung in Krankenhausapotheken aus Dresden, Düsseldorf, Erlangen, Essen, Halle, Köln, Lübeck, Mainz, München, Münster, Nürnberg und Rostock beteiligt. Von der Herstellungsvorschrift über das Etikett und die Gebrauchsinformation bis hin zur Qualitätskontrolle: Die Mitarbeiter der zwölf involvierten Krankenhausapotheken gehen bei der Herstellung identisch vor, um das intravenös zu verabreichende Arzneimittel qualitätsgesichert zu produzieren. „Um alles abzustimmen, saß ich stundenlang am Telefon“, erinnert sich Ralph Heimke-Brinck. „Von Erlangen aus haben wir die Kollegen in anderen Bundesländern beispielsweise auch unterstützt, damit diese möglichst schnell die Erlaubnis der zuständigen lokalen Überwachungsbehörden erhielten, das Medikament herzustellen.“

    „Dass dies alles überhaupt möglich war, verdanken wir unserer sehr guten Vernetzung, unseren Verbandsstrukturen und der dezentral vorgehaltenen Eigenherstellungskompetenz von Krankenhausapotheken in Deutschland“, betont ADKA-Präsident Frank Dörje. „Wir haben ja bereits vor der Corona-Pandemie sehr gut zusammengearbeitet. In Krisenzeiten dann auf ein so großes Engagement und kollegialen Austausch setzen zu können, ist Gold wert.“ So sei es möglich, die Arzneimittelversorgung für Midazolam in der Intensivmedizin bundesweit in der pandemischen Krisenzeit sicherzustellen.

    7.000 Flaschen innerhalb von fünf Tagen
    Ziel der Aktion ist es, insgesamt 100.000 Flaschen Injektions-/Infusionslösung Midazolam herzustellen. Mitte Juni war dieses Vorhaben bereits zur Hälfte erreicht. „Da der Wirkstoff länger haltbar ist als das zubereitete Medikament, belassen wir es zunächst dabei und halten die andere Hälfte als Reserve für eine eventuelle zweite Welle im Herbst zurück“, erläutert Ralph Heimke-Brinck. „Bei uns am Uni-Klinikum Erlangen haben sechs Mitarbeiter innerhalb von fünf Tagen 7.000 Flaschen hergestellt. Produziert wurde in unseren Reinräumen nach dem international für die Arzneimittelherstellung gültigen Standard ‚Good Manufacturing Practice‘, kurz GMP. Da wir den Wirkstoff bereits vor einigen Jahren für unser eigenes Uni-Klinikum verarbeitet haben, konnten wir jetzt auf diese Erfahrungen zurückgreifen.“ Die 7.000 Einheiten Midazolam lagern nun in der Apotheke des Uni-Klinikums Erlangen und können von Apotheken anderer Krankenhäuser bei Bedarf bestellt werden.

    Über Midazolam
    Midazolam ist ein Benzodiazepin, das auf Intensivstationen zur Sedierung von Patienten eingesetzt wird, die beatmet werden müssen. „Es handelt sich um kein spezielles COVID-19-Medikament“, erklärt Prof. Dörje. „Da Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben und deren Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt, allerdings vergleichsweise lange beatmet werden müssen, ist der weltweite Bedarf im Frühjahr 2020 extrem gestiegen. Das, was wir selbst im März in Erlangen und anderswo miterlebt haben, hat uns drastisch gezeigt, dass Medikamente wie Midazolam für die Patienten überlebenswichtig sind und dass wir Engpässen frühzeitig wirksam entgegentreten müssen. Dass in Deutschland die Krankenhausapotheken in die Bresche springen können und mit ihrer Herstellungsexpertise die Arzneimittelversorgung gewährleisten, verdient höchste Anerkennung.“

     

    Quelle: https://idw-online.de/de/news751482