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    Feministische Psychotherapie: Rollenklischees auflösen

    Alle Menschen sind entweder männlich oder weiblich sozialisiert, haben bestimmte Bewertungen und Konstrukte in ihren Köpfen, was „weiblich“ und „männlich“ bedeutet. Diese Aspekte einerseits zu beachten, andererseits aber nicht in engen Gender-Grenzen zu verharren, um wirklich Heilung zu erreichen, ist die Aufgabe sogenannter feministischer Psychotherapie. Dr. Bettina Zehetner (Wien) erklärt in ihrem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Psychologie und Gesellschaftskritik“ (1/18), woran man feministische Therapie erkennen kann und warum diese auch aus gesellschaftlicher Sicht unverzichtbar sein sollte – nicht nur für Frauen.

    Heute wird oft von „Gender-Gleichheit“ gesprochen, von einer „Modernisierung“ der Geschlechterverhältnisse. Der Feminismus wird als „nicht mehr nötig“ bezeichnet. Dennoch sind Frauen und Männer nach wie vor völlig unterschiedlichen Ansprüchen und Erwartungen ausgesetzt. Weiterhin wird als selbstverständlich angenommen, dass Frauen den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen, weiterhin gibt es immense Unterschiede, was z.B. das Gehalt angeht. Eine traditionelle Geschlechterordnung wird entgegen der allgemeinen Ansicht von „Gleichheit“ im Gegenteil aktuell sogar gefördert und stabilisiert.

    Die Erwartungen und Rollenvorstellungen der Gesellschaft an Frauen und Männer müssen auch in der Psychotherapie berücksichtigt werden. Häufig bedingen diese Punkte Probleme und Erkrankungen. Vor allem Frauen haben Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen und entwickeln Gefühle von persönlichem Versagen, wenn sie ein bestimmtes Rollenbild nicht erfüllen können. Zehetner macht klar: „Krank macht die Anpassung an überfordernde Verhältnisse und widersprüchliche Rollenerwartungen.“ Sie fordert, genderspezifisches Wissen und genderkritische Kompetenz in die psychotherapeutischen und medizinischen Ausbildungen zu integrieren.

    Die feministische Psychotherapie, die Zehetner vertritt, soll keine einseitige „Frauenwissenschaft“ sein, sie propagiert nicht, dass Frauen andere Frauen am besten behandeln. „Die Differenzen zwischen Frauen können durchaus größer sein als die Differenz zwischen einer (weiblichen) Klientin und einem (männlichen) Therapeuten.“ Vielmehr zeichnet sie sich durch eine kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Ansprüchen an größtmögliche Flexibilität, Selbstvermarktung, Geschwindigkeit und Effizienz aus und will Raum für Reflexion bereitstellen. Sie bietet die Möglichkeit, sich frei von Idealen und Definitionen „anders und neu zu erzählen“. Sie stellt in Frage, wer eigentlich die Norm bestimmt – und wie das Ideal auch anders und „lebbarer“ aussehen könnte.

     

    Bettina Zehetner: Woran erkenne ich feministische Therapie? In Psychologie und Gesellschaftskritik, Ausgabe 1/2018, Seite 103–124. Pabst Science Publishers.

     

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