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    Von „Hysterie“ bis „Kriegszittern“ – wie sich Krankheitsbilder immer weiter verändern

    Viele hundert Jahre lang wurden vor allem Frauen als „hysterisch“ diagnostiziert. Trauma-Symptome fasste man zu Kriegszeiten unter „Kriegszittern“ zusammen. Haben (psychische) Krankheiten heute einfach nur andere Bezeichnungen bekommen oder handelt es sich tatsächlich um ganz andere Störungen? Gibt es demgegenüber heute Krankheiten, die früher gar nicht existierten? Die Entwicklung von Krankheitsbildern nimmt Wolfgang Merkle unter die Lupe – in seinem Beitrag zum Sammelband „Wandel der Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen“, herausgegeben von Elmar Brähler, Hans-Wolfgang Hoefert und Christoph Klotter.

    Die sogenannte „Hysterie“ reicht bis in die Zeit vor Christus zurück: Die Ursache wurde in einer Krankheit der Gebärmutter gesehen. Von Sigmund Freud stammt dann 1894 die erste zentrale Theorie zur Entstehung der Hysterie. Als anerkanntes Krankheitsbild wurde sie in alle Diagnosesysteme aufgenommen, mit weit gefassten Symptomen: motorische oder sensorische Funktionsstörungen, Dämmerzustände/dissoziative Zustände oder auch dranghaftes Weglaufen. Erst beim Wechsel der Klassifikationssysteme hin zur ICD-10 wurde die Hysterie als breite Diagnose für Frauen entfernt. Man war sich einig, dass differenziertere, weniger stigmatisierende Diagnosen für die sehr unterschiedlichen Symptome verwendet werden müssten. Vor allem gesellschaftliche Entwicklungen ließen ein derartiges „Diagnosekorsett“ nicht mehr zu.

    Zusätzlich zum Verschwinden einiger Krankheitsbilder tauchten vor allem in den letzten Jahrzehnten vermehrt „neue“ Krankheiten auf, z.B. Fibromyalgie (chronisches Schmerzsyndrom), Burnout, Posttraumatische Belastungsstörung oder ADHS – heutzutage weit verbreitete Krankheiten. Gab es diese Phänomene schlicht vorher nicht oder waren sie nur unter anderen Namen bekannt? Merkle formuliert: „Die neuen Systeme stellen einerseits eine Amalgisierung mit den in unserer Gesellschaft wichtigen Themen (Einfluss der Umwelt, Überforderung durch Reize, Traumatisierungen etc.), zum anderen aber auch eine Verlagerung der Diagnosen in sogenannte Graubereiche dar. Das heißt, dass die Ätiologie dieser Erkrankungen wieder in einen Zwischenbereich zwischen äußerem Umfeld, somatischer Beeinträchtigung, psychosozialen Bedingungen und persönlichen Dispositionen abzutauchen versucht.“

    Auch andere mögliche Erklärungen für das Auftauchen vermeintlicher neuer Krankheitsbilder gibt Merkle, etwa den besseren Umgang mit Symptomen durch eine Diagnose: Der Patient kann seine Beschwerden begreifen und trifft im medizinischen Gegenüber auf genügend Akzeptanz. Außerdem kann er durch seine Symptome Hilfe, Kontakt und Kommunikation mobilisieren, wenn eine gewisse Reputation in der Gesellschaft vorhanden ist. Dafür ist sicher das Phänomen „Burnout“ ein gutes Beispiel: Es ist „gesellschaftsfähig“ und erlaubt, sich ohne den Verlust gesellschaftlichen Ansehens der Behandlung seiner Symptome widmen zu können.

    Merkle unterscheidet zwischen Krankheitsbildern und ihrem Ursprung: Burnout und ADHS fallen für ihn in die Kategorie „zeitbedingt“. Sie haben zumindest in ihrer Häufung sehr viel mit gesellschaftlichen Veränderungen wie sozialer Beschleunigung, unsicheren Arbeitsverhältnissen oder Verflüchtigung traditioneller Strukturen (z.B. Familie, Kirche) zu tun.

    Die Posttraumatischen Belastungsstörungen dagegen gab es wie traumatische Ereignisse insgesamt wohl schon immer. Doch erst in den 1970er und 1980er Jahren wurden die Auswirkungen der Traumata erst richtig erkannt – vor allem in psychotherapeutischer Hinsicht. Es handele sich dabei laut Merkle nicht so sehr um neue Krankheiten, sondern vielmehr um die neue Entdeckung von Zusammenhängen.

     

    Literatur:

    Wolfgang Merkle: Gesellschaftliche Bedingungen und „moderne“ Symptomatiken. In: Elmar Brähler, Hans-Wolfgang Hoefert, Christoph Klotter (Hrsg.), Wandel der Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen. Pabst 2018, 324 Seiten, ISBN 978-3-95853-296-0, eBook ISBN 978-3-95853-397-7

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