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Seinem Arzt Probleme mit der Potenz zu
gestehen, fällt vermutlich jedem Mann
schwer. Jeder Fünfte zwischen 30 und 80
leidet unter Erektionsschwäche, einer
erektilen Dysfunktion (ED). Je älter man
wird, desto grösser das Risiko.
Erektionsstörungen werden vor allem durch
einen ungesunden Lebensstil oder Krankheiten
begünstigt wie Diabetes, Bluthochdruck,
Fettstoffwechselstörungen oder Übergewicht.
Ausserdem kennt man sie als Nebenwirkung
einiger Medikamente.
Jetzt zeigt eine Studie des Kaiser
Permanente Medical Center in Los Angeles: Je
mehr Arzneimittel, desto grösser ist das
Risiko («British Journal of Urology»,
online). «Die Studie beweist das, was wir
aus dem klinischen Alltag kennen», sagt
Alexander Müller, Oberarzt in der Urologie
am Unispital Zürich. «Hat ein Mann Probleme
im Bett, sollte er seinem Arzt unbedingt
sagen, ob und welche Medikamente er nimmt.
Möglicherweise kann man durch eine
Umstellung der Medikation sein Sexualleben
deutlich bessern.»
Das Forscherteam um die Urologin Diana
Londoño fand anhand der Patientenakten von
rund 38 000 Männern zwischen 45 und 69
Jahren heraus: Von Männern, die zwei und
weniger Arzneimittel einnahmen, hatte nur
etwa jeder sechste eine ED, bei über zehn
Medikamenten war es jeder dritte. «Die
Studie hat aber einen grossen Nachteil»,
sagt Stephan Krähenbühl, Chefarzt der
klinischen Pharmakologie am Unispital Basel.
Die Forscher erfassten nämlich nicht, welche
Medikamente die Männer einnahmen.
«Von einigen Medikamenten ist bekannt, dass
sie als Nebenwirkung eine ED verursachen
können.» Am häufigsten tritt dies bei
blutdrucksenkenden Betablockern und
Thiaziden auf sowie bei Medikamenten gegen
psychische Krankheiten darunter Lithium,
selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
oder trizyklische Antidepressiva.
Blutdrucksenkende Mittel könnten zu einer
Gefässerweiterung in den Schwellkörpern
führen, die sich dann nicht mehr gut füllen.
Psychopharmaka könnten die Konzentration von
Botenstoffen im Gehirn wie Serotonin
durcheinanderbringen, die für eine «gute»
Erektion wichtig sind.
«Klagt ein Mann über Erektionsstörungen,
können wir allerdings oft nicht sagen, ob es
nun am Lebensstil oder Krankheiten liegt
oder an den Medikamenten allein», sagt
Urologe Müller. «Leidet jemand zum Beispiel
unter Bluthochdruck und Diabetes und raucht
dazu auch noch, kann dies die Blutgefässe im
Penis schon so geschädigt haben, dass
Blutdruckmedikamente eine ED alleine nicht
erklären, aber verstärken können.» Es lohne
sich jedoch immer, die Therapie zu
überdenken, erklärt Paul Erne,
Chef-Kardiologe am Kantonsspital Luzern.
ACE-Hemmer oder Sartane sind zum Beispiel
Blutdruckmittel, die keine ED verursachen.
Letztere können sie sogar eher bessern.
Auch bei Menschen mit psychischen
Krankheiten und neu aufgetretener ED lässt
sich nicht immer leicht feststellen, was
zuerst da war. «Menschen mit Depressionen
haben oft Erektionsstörungen», erklärt
Müller. «Aber auch Antidepressiva können
schuld daran sein – es ist immer einen
Versuch wert, andere Präparate
auszuprobieren.» So kann man bei
Depressionen auf ein älteres tetrazyklisches
Antidepressivum umsteigen. Lithium, das bei
manisch-depressiven Krankheiten verabreicht
wird, kann man in manischen Phasen durch
beruhigend wirkende Neuroleptika ersetzen,
in den depressiven Phasen durch Medikamente,
die sonst gegen Epilepsie eingesetzt werden.
«Kein Mann sollte sich schämen, das Thema
bei seinem Arzt anzusprechen, denn das
könnte auch noch auf eine ganz andere Weise
helfen», sagt Müller. Erektionsstörungen
sind nämlich häufig ein Vorbote für einen
Herzinfarkt oder Schlaganfall in den
kommenden Jahren. «Wissen wir davon, können
wir rechtzeitig diagnostische Schritte und
eine vorbeugende Therapie einleiten.»
Quelle:
www.nzz.ch
Köhler, Th.: Pharmakotherapie in der
Psychotherapie – Ein Kompendium für Psychologen
und psychologische Psychotherapeuten
Pabst, Lengerich/Berlin, 192 Seiten, ISBN
978-3-89967-500-9
Seikowski, K., Starke, K. (Hrsg.): Sexualität
des Mannes
Pabst, Lengerich/Berlin, 144 Seiten, ISBN
978-3-936142-69-3
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