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Wie erkennt ein Arzt, ob bei einem
Patienten, der in die Notaufnahme einer
Klinik eingeliefert wird, die Nieren akut
geschädigt sind? Diese Frage ist mit
bisherigen Tests häufig nur schwer zu
beantworten, für die frühe Beurteilung der
Schwere des Krankheitsbildes jedoch von
großer Bedeutung. Kliniker vom Experimental
and Clinical Research Center (ECRC) des
Max-Delbrück-Centrums (MDC) und der Charité,
des Helios-Klinikums Berlin und dreier
US-Kliniken haben jetzt gezeigt, dass der
Nachweis von Proteinen, die eine geschädigte
Niere in den Urin ausschüttet, hilft,
Hochrisikopatienten sehr früh zu erkennen
(Journal of the American College of
Cardiology, online, 9. Januar 2012)*.
„Es gibt keine typischen Symptome für akutes
Nierenversagen“, sagt Prof. Kai Schmidt-Ott.
„Trotzdem ist es für den Arzt sehr wichtig,
schon sehr früh festzustellen, ob ein
Patient eine akute Nierenschädigung hat“,
betont der Nierenspezialist von der Charité,
der am MDC eine Forschungsgruppe leitet.
Denn im Anfangsstadium ist es häufig noch
möglich, die Erkrankung aufzuhalten oder
zumindest zu verlangsamen. Bei
fortgeschrittener Schädigung ist eine
Dialyse-Behandlung (Blutwäsche)
erforderlich. Viele Patienten mit schwerer
Nierenschädigung sterben im Krankenhaus. Wie
groß das Problem ist, machen auch einige
Zahlen deutlich. Allein in den USA werden
jedes Jahr eine Million Patienten mit
schwerer Nierenschädigung diagnostiziert. In
Deutschland gibt es derzeit nach Angaben der
Deutschen Gesellschaft für Nephrologie
allein rund 70 000 Dialysepatienten. Und die
Zahlen steigen.
Derzeit wird einzig der Kreatininwert im
Blut (Serum-Kreatinin) für die Diagnose
eines akuten Nierenversagens herangezogen.
Kreatinin ist ein Molekül, das normalerweise
über die Niere ausgeschieden wird, sich
jedoch bei eingeschränkter Nierenfunktion im
Blut anhäuft. „Ein erhöhter Kreatininwert
ist aber kein direktes Maß für die
Nierenschädigung“ erläutert Prof.
Schmidt-Ott. „So kann eine längerdauernde
leichte Minderdurchblutung der Niere bereits
zu einem deutlichen Anstieg des
Serum-Kreatinins führen, ohne dass das
Nierengewebe geschädigt ist. Diese
Funktionsstörung der Niere ist meist gut zu
behandeln. Die Patienten erhalten eine
Elektrolytlösung oder müssen die
Medikamente, die die Niere schädigen,
absetzen.
Dagegen hat eine Gewebeschädigung in der
Niere eine deutlich schlechtere Prognose.
Dennoch ist es nicht immer möglich in der
Notaufnahme erhöhte Serum-Kreatinin-Werte zu
messen, weil nach einer Nierenschädigung 24
bis 48 Stunden vergehen können, bis das
Kreatinin sich im Blut anhäuft und damit die
Risikopatienten nicht erkannt werden. Somit
besteht ein dringender Bedarf an genaueren
Markern der Gewebeschädigung in der Niere.
Seit einiger Zeit ist bekannt, dass eine
geschädigte Niere eine Reihe von Proteinen
bildet. In kleineren Studien mit wenigen
Patienten war untersucht worden, ob diese
Proteine als „Biomarker“ dienen können, um
Hochrisikopatienten mit einer
Gewebeschädigung der Niere zu
identifizieren. In den vergangenen drei
Jahren sind Prof. Thomas L. Nickolas und
Prof. Jonathan Barasch von der Columbia
Universität in New York City, sowie Prof.
Schmidt-Ott und Prof. Friedrich C. Luft
(beide ECRC), dieser Frage in einer großen
Studie nachgegangen. Sie haben von fast 1
700 Patienten, die in die Notaufnahmen von
Kliniken in Berlin und New York kamen, fünf
dieser Proteine im Urin gemessen.
Dabei stellten sie fest, dass vor allem zwei
Proteine, in der Fachsprache kurz NGAL und
KIM-1 genannt, sich als hilfreich für eine
frühzeitige Risikoeinschätzung erwiesen
haben. Sind die NGAL-und KIM-1-Werte
niedrig, so ist das Risiko des Patienten
gering, im Laufe des Klinikaufenthaltes zu
versterben oder eine Dialyse zu benötigen.
Hohe Werte zeigen dagegen das Risiko einer
akuten Nierenschädigung an. Kombiniert ein
Arzt die Messwerte dieser Biomarker mit den
Werten des Serum-Kreatinins, ist eine
genauere Einschätzung des individuellen
Risikos möglich, so Prof. Schmidt-Ott. Das
könnte Klinikern in der Notaufnahme schnell
helfen, eine adäquate Behandlungsstrategie
für den Patienten zu entwickeln.
Noch aber ist nicht klar, ob alle Patienten,
die in eine Notaufnahme kommen, auf diese
Biomarkerproteine hin untersucht werden
sollten oder ob die Messung nur bestimmten
Patienten (zum Beispiel Diabetikern oder
Bluthochdruckpatienten, die ein hohes Risiko
für ein akutes Nierenversagen haben)
vorbehalten sein soll. Ebenso ist noch
unklar, ob eine Diagnose mit Hilfe dieser
Biomarker tatsächlich den individuellen
Behandlungserfolg beeinflusst. Dazu sind
nach Aussage von Prof. Schmidt-Ott weitere
Studien nötig.
*Diagnostic and Prognostic Stratification in
the Emergency Department Using Urinary
Biomarkers of Nephron Damage - A Multicenter
Prospective Cohort Study
Thomas L. Nickolas*†1, Kai M.
Schmidt-Ott*†2,3, Pietro Canetta1, Catherine
Forster1, Eugenia Singer2,3, Meghan Sise1,
Antje Elger2, Omar Maarouf4, David Antonio
Sola-Del Valle1, Matthew O’Rourke1, Evan
Sherman1, Peter Lee1, Abdallah Geara1,
Philip Imus1, Achuta Guddati1, Allison
Polland1, Wasiq Rahman1, Saban Elitok3,
Nasir Malik1, James Giglio1, Suzanne
El-Sayegh4, Prasad Devarajan5, Sudarshan
Hebbar6, Subodh J. Saggi4, Barry Hahn4,
Ralph Kettritz2,3, Friedrich C. Luft2,3, and
Jonathan Barasch1
1 Columbia University College of Physicians
and Surgeons, New York, NY, USA
2 Experimental and Clinical Research Center,
a joint cooperation between the Charité
Medical Faculty and the Max-Delbrück Center
for Molecular Medicine, Berlin, Germany
3 Helios Clinics, Berlin, Germany
4 Staten Island University Hospital, Staten
Island, NY, USA
5 Cincinnati Childrens Hospital, Cincinnati,
OH, USA
*† Co-first and co-corresponding authors
Quelle:
http://idw-online.de/de/news458416
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