9. August 2010
 

Familienmedizin: Lohnende Investitionschancen bleiben ungenutzt

 

"Familienmedizin ist im deutschen Gesundheitswesen nicht verankert," kritisiert Dr. Jürgen Collatz (Hannover). "Familienmedizinische Leistungen kommen in der gesetzlichen Krankenversicherung kaum vor." Zwar existieren einzelne Versorgungsangebote, doch sie sind mangelhaft vernetzt.

"Die Familien in Not oder in langfristig prekären Situationen benötigen übergreifende Hilfen. Die Distanzen medizinischer versus sozialer oder psychologischer Dienste oder Selbsthilfeorganisationen verstärken den Vernetzungsmangel.

Förderung und Hilfen sind insbesondere für Familien in prekären sozialen Situationen, mit Fehlentwicklungen der Bindungen und Familiendynamik notwendig."

Unter den Stichworten Prävention und Rehabilitation werden meist berufliche Eingliederungsaspekte gesehen - und seltener Kinder mit ihren Müttern. Doch Collatz warnt: "Soll die derzeitige Kindergeneration nicht die erste Generation sein, die kürzer leben wird als ihre Eltern, muss eine verhängnisvolle Entwicklungskette vermieden werden: frühe Fehlernährung und Bewegungsarmut, früh auftretendes Übergewicht bis zur Fettsucht, Verhaltens- und psychische Störungen, früh auftretende Erkrankungen wie Diabetes, Krebs, Herzerkrankungen und daraus folgend eine frühe Invalidität.

Nur durch erfolgreiche präventive Interventionen unter Einbezug der Familien kann vermieden werden, die Mittel der Gesundheitsversorgung und der sozialen Hilfen zu überfordern." Collatz sieht eine präventive Familienmedizin nicht als zusätzlichen Kostenfaktor, sondern als Investition, die langfristig wesentliche Einsparpotentiale freisetzt.

Einen kritischen Überblick zum Thema bietet ein aktueller Aufsatzband, herausgegeben von Jürgen Collatz und eingeleitet von Ursula von der Leyen.

 

Jürgen Collatz (Hrsg.): Familienmedizin in Deutschland.
Pabst, Lengerich/Berlin, 340 Seiten, ISBN 978-3-89967-614-3

   

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