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Eine Schwangerschaft stellt die weibliche
Physiologie vor ein biologisches Dilemma:
Einerseits gilt es, ein gesundes und
kräftiges Kind zur Welt zu bringen.
Andererseits soll dadurch die Gesundheit der
Mutter nicht gefährdet werden. Eine Anzahl
von spezifischen Genen, die sie an ihr Kind
weitergibt, übernimmt daher die Aufgabe, die
Ansprüche des Kindes auf ein für ihren
Körper verträgliches Maß zu beschränken.
Diese sogenannten „imprinted genes“ tragen
eine spezielle „Prägung“, die ihre Aktivität
maßgeblich beeinflusst.
Die vom Vater vererbten Kopien dieser Gene
sind dagegen darauf angelegt, möglichst
viele Ressourcen für das Kind freizusetzen –
möglicherweise auch auf Kosten der Mutter.
Dieser frühe „Geschlechterkampf“ auf
genetischer Ebene kann weitreichende Folgen
für die Gesundheit der Nachkommen im
späteren Leben haben. Auf der
internationalen Konferenz The Power of
Programming, die in München vom 6. bis 8.
Mai stattfindet, werden neue Daten
präsentiert, die diese Ansicht stützen. Die
Tagung ist Teil des EU geförderten Projekts
EARNEST (Early Nutrition Programming).
„Geprägte Gene, die vom Vater vererbt
werden, sind ‚gefräßig’, während die
mütterlichen Kopien auf den Erhalt von
Ressourcen eingestellt sind, um die
zukünftige Gebärfähigkeit nicht zu
gefährden“, erklärt Dr. Miguel Constancia
von der Universität Cambridge, England.
“Unsere Befunde deuten darauf hin, dass
geprägte Gene eine wichtige Rolle bei der
Steuerung der Hormonausschüttung durch die
Plazenta übernehmen. Dieser Prozess hat
wiederum einen großen Einfluss auf die
Ernährung des Fötus und wirkt sich auf die
Programmierung des Stoffwechsels aus. Die
dadurch bedingte Abstimmung der
Kontrollmechanismen hat aber auch
langfristige Folgen für den gesamten
Metabolismus und beeinflusst unter anderem
das Risiko, später an Diabetes (Typ 2) zu
erkranken.”
Es gibt Hinweise darauf, dass die
metabolische Programmierung im Mutterleib in
männlichen und weiblichen Föten
unterschiedlich abläuft. So konnte Dr.
Rachel Dakin von der Universität Edinburgh,
Schottland, zeigen, dass bei Mäusen
mütterliche Fettleibigkeit eine metabolische
Programmierung der Nachkommen bewirkt –
allerdings mit geschlechtsspezifischen
Unterschieden. Im Gegensatz zu ihren Brüdern
wiesen weibliche Nachkommen übergewichtiger
Mütter einen erhöhten Insulinspiegel auf.
Bei den Männchen wurden dagegen Störungen in
der Expression von Genen festgestellt, die
im Stoffwechsel von Lipiden und Hormonen aus
der Klasse der Glukokortikoide eine wichtige
Rollen spielen.
Auf Gene, Zellen und Organismen wirken viele
verschiedene Faktoren ihrer Umgebung ein,
die in unterschiedliche Richtungen wirken.
„Die Grenzen, die sie ausloten können, ohne
dabei nachhaltig beschädigt oder gar getötet
zu werden, wurden schrittweise während ihrer
Evolution gesetzt“, sagt Professor Claudine
Junien, Genetikerin am französischen
Institut National de Recherche Agronomique (INRA)
und anerkannte Expertin auf dem Gebiet des
genetischen Geschlechterkampfes: „Die
genetische Diversität heutiger Menschen
spiegelt die Diversität ihrer evolutionären
Erfahrungen in der Vergangenheit wider.
Unsere Daten zeigen, dass es Unterschiede im
Bezug auf Genexpression und
Methylierungsmuster der DNA zwischen
männlichen und weiblichen Plazenten gibt,
sogar unter den Bedingungen einer normalen
Schwangerschaft. Wenn Stress ins Spiel
kommt, beispielsweise wenn die Mutter
übergewichtig ist, das Nahrungsangebot reich
an Fett oder arm an Kalorien ist, reagieren
männliche und weibliche Plazenten
unterschiedlich. Sie schalten
unterschiedliche Gruppen von Genen ein, um
dem Stress zu begegnen.“ Solche Unterschiede
könnten zu dauerhaften
geschlechtsspezifischen Konsequenzen für die
metabolische Programmierung führen, die dann
langfristige Auswirkungen entfalten.
„Andererseits könnte es sein, dass die
Männchen im übertragenen Sinn den Berg über
die Nordroute besteigen, während die
Weibchen die Südroute bevorzugen“, so Junien.
„Beide werden am Ende aber auf demselben
Gipfelniveau stehen.“
Professor Ricardo Closa Monasterolo von der
Universität Rovira I Virgili in Tarragona,
Italien, präsentiert Daten, die darauf
hindeuten, dass männliche und weibliche
Säuglinge proteinreiche Nahrung
unterschiedlich verarbeiten. Mädchen, die
proteinreiche Säuglingsmilch erhielten,
hatten demnach höhere Konzentrationen des
Wachstumsfaktors IGF-1 im Blut als die
Knaben. Bei den Knaben wurden dagegen höhere
Werte für C-Peptid/Creatinin gemessen, was
sich auf den Zuckerhaushalt auswirkt. Die
Bedeutung des Proteingehalts der
Säuglingsnahrung für die zukünftige
Gesundheit geht auch aus Daten des
EU-Projekts CHOP (Childhood Obesity Project)
hervor, das schon in den 1990er Jahren
begonnen und im Rahmen von EARNEST
fortgeführt wurde. Für die von Professor
Berthold Koletzko von der LMU koordinierte
Langzeitstudie wurden mehr als 1.000
Säuglinge regelmäßig untersucht. Erste
Ergebnisse zeigen, dass Flaschenkinder, die
ein weniger proteinreiches Milchpräparat
(vergleichbar der Muttermilch) erhielten, am
Ende der Studie im Durchschnitt etwas
weniger wogen als Flaschenkinder, deren
Nahrung einen höheren Proteingehalt aufwies.
Im Bezug auf Gewichtszunahme glichen sie
somit den gestillten Kindern. Diese
Unterschiede zeigten sich bereits nach 6
Monaten und blieben auch bestehen, nachdem
alle Kinder dieselbe Nahrung erhielten. Die
Forscher schätzen, dass eine solche
Verringerung der frühen Wachstumsrate zu
einer 13-prozentigen Verringerung von
Adipositas im Alter von 14 bis 16 Jahren
führen würde.
Professor Berthold Koletzko, der auch
Koordinator des EARNEST-Projekts ist,
erklärt: „Geschlechtsspezifische
Unterschiede bei Anfälligkeiten für
Krankheiten sind lange bekannt. Die neuesten
Forschungen auf dem jungen Gebiet der
Metabolischen Programmierung legen den
Schluss nahe, dass diese Unterschiede auf
geschlechtsabhängige Variationen in der
Programmierung während der frühesten
Lebensphasen zurückgehen.“
Einen Überblick über zusätzliche
Forschungsthemen und -ergebnisse, die auf
der internationalen Konferenz präsentiert
werden finden Sie unter:
www.lmu.de
Quelle:
http://idw-online.de/pages/de/news368066
Neises, M., Schmid-Ott, G. (Hrsg.):
Gender, kulturelle Identität und Psychotherapie
Pabst, Lengerich/Berlin, 296 Seiten, ISBN
978-3-89967-366-1
Neises, M., Weidner, K. (Hrsg.):
Qualitative Forschungsansätze und Ergebnisse in
der psychosomatischen Frauenheilkunde
Pabst, Lengerich/Berlin, 308 Seiten, ISBN
978-3-89967-578-8
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