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Viele Zivilisationserkrankungen, z.B. Rheuma
und Multiple Sklerose, sind
Autoimmunerkrankungen, bei denen sich das
Immunsystem gegen eigene Körperzellen
richtet und diese zerstört. Im gesunden
Menschen werden solche Autoimmunkrankheiten
weitgehend durch zentrale Selektions- und
Toleranzmechanismen im Knochenmark und
Thymus unterdrückt, bei denen die
Lymphozyten "gecheckt" und dann stillgelegt
oder abgetötet werden.
Trotzdem entweichen noch viele auto-reaktive
Lymphozyten in den Körper, die
Autoimmunerkrankungen hervorrufen können.
Diese werden durch Anergie- oder
Toleranz-Induktion, die eine Form der
peripheren Toleranzmechanismen darstellt,
entschärft. Dabei werden die Proliferation,
die Synthese von Lymphokinen oder
Antikörpern von Lymhozyten unterbunden.
Mechanismen dafür sind z.B schwache
Aktivierungssignale. Interessanterweise
führt das zu einer "Unempfindlichkeit" der
Lymphozyten gegenüber späterer Aktivierung
durch Antigene. Demgegenüber führen zu
starke Aktivierungssignale oft zum Tod der
Lymphozyten durch Apoptose (den
"programmierten" Zelltod). Ein weiterer
Mechanismus der Toleranz-Induktion ist vor
einigen Jahren mit der Entdeckung der
regulatorischen T-Zellen (Treg-Zellen)
beschrieben worden. Sie produzieren kaum
Lymphokine, sondern können über direkte
Kontakte die Aktivität von Lymphozyten
dämpfen und dadurch Autoimmunerkrankungen
unterdrücken.
Unsere Arbeitsgruppe in Würzburg
interessiert seit Jahren, wie die
Funktionsweise des Immunsystems durch
Transkriptionsfaktoren reguliert wird. Das
sind Kernproteine, die die Aktivität von
Genen steuern. Dabei haben wir uns auf die
sog. NFAT (für 'Nuclear Factor of Activated
T Cell')-Faktoren konzentriert. Grund dafür
war, dass diese Faktoren für das Immunsystem
sehr wichtig sind: wird ihre Aktivität -
z.B. durch Cyclosporin A - gehemmt, ist das
Immunsystem lahm gelegt. Die Anwendung von
Cyclosporin A war ein Durchbruch in der
Transplantationsmedizin und rettete
Tausenden von Patienten das Leben. Man kann
somit sagen, dass die Hemmung der
NFAT-Faktoren ihnen ein neues Leben
schenkte!
Gemeinsam mit dem Labor von Prof. Edgar
Schmitt am Institut für Immunologie der
Universität Mainz konnten wir zeigen, dass
die Faktoren NFATc2 und c3 maßgeblich an der
Toleranzinduktion durch regulatorische
T-Zellen beteiligt sind. Interessanterweise
ist auch von einer anderen Arbeitsgruppe
NFATc2 als ein Faktor beschrieben worden,
der an der Anergie- und Toleranz-Induktion
von T-Zellen beteiligt ist. Das ist jedoch
nur eine Facette der Rolle von NFAT-Faktoren.
Im Gegensatz zu NFATc2 wird die Synthese des
Faktors NFATc1 nach Stimulierung der
Lymphozyten enorm verstärkt. Dabei wird eine
kürzere Form des NFATc1-Faktors, NFATc1/aA
genannt, gebildet. Diese Induktion fehlt in
Treg-Zellen, und sie wird durch diese in
normalen T-Zellen unterdrückt. Gleichfalls
wird NFATc1 in anergischen T-Zellen nicht
induziert. Das heißt mit anderen Worten: ein
NFAT-Faktor, NFATc2, ist an der
Anergie-Induktion maßgeblich beteiligt, ein
anderer, NFATc1, wird in anergen Zellen
unterdrückt.
Somit stellt sich die Frage, ob NFATc1 die
Anergie von Lymphozyten "brechen" kann.
Vieles spricht dafür! Vor allem neuere Daten
unseres Labors, die durch die Untersuchung
von B-Zellen aus sog. konditionellen
NFATc1-ko-Mäusen erhalten wurden. Das sind
Mäuse, in denen nur in B-Zellen das
NFATc1-Gen ausgeschaltet wurde. Diese
NFATc1-/- B-Zellen zeigen eine herabgesetzte
Proliferation und gesteigerte Apoptose, und
sie können T-Zellen anergisieren, d.h. ihre
Proliferation hemmen und die Interleukin
2-Synthese der T-Zellen herabsetzen. Aus
diesen und weiteren Befunden schließen wir,
dass NFATc1 für die Immunabwehr
außerordentlich wichtig ist. So könnte die
Entwicklung von Medikamenten, die die
Induktion von NFATc1/aA selektiv hemmen,
einen gleichen Segen wie die Anwendung von
Cyclosporin A darstellen. Solche Medikamente
würden nicht - wie Cyclosporin A - das
Immunsystem komplett lahm legen, sondern vor
allem die Aktivität von auto-reaktiven
Lymphozyten und damit die Entstehung von
Autoimmunerkrankungen hemmen.
Kontakt:
Prof. Dr. Edgar Serfling, Abteilung für
Molekulare Pathologie des Pathologischens
Instituts, Universität Würzburg
E-Mail:
serfling.e@mail.uni-wuerzburg.de
Quelle:
http://idw-online.de/pages/de/news355924
K. Conrad, W. Schößler, F. Hiepe, M. J.
Fritzler:
Autoantibodies in Systemic Autoimmune Diseases –
A Diagnostic Reference
Pabst, Lengerich/Berlin, 300 pages, ISBN
978-3-89967-420-0
K. Conrad, E. K. L. Chan, M. J. Fritzler, R.L.
Humbel, P. von Landenberg,
Y. Shoenfeld (Eds.):
From Pathogenesis to Therapy of Autoimmune
Disease
Pabst, Lengerich/Berlin, 568 pages, ISBN
978-3-89967-579-5
K. Conrad, E.K.L. Chan, M.J. Fritzler, U.
Sack, Y. Shoenfeld, A.S. Wiik (Eds.):
From Etiopathogenesis to the Prediction of
Autoimmune Diseases: Relevance of Autoantibodies
Pabst, Lengerich/Berlin, 696 pages, ISBN
978-3-89967-409-5
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