26. Jahrgang - Heft 4/2005

Meine Berliner sächsisch-schlesische Erziehung war am Hamburger Ideal orientiert… Ein Schenkelklopfer war ich also nicht. 

Dann die Dressur des Medizinstudiums: Alles verstehn, alles verzeihn, unerschüttert, „Wie geht’s uns denn heut? Hm…. hm…“. 

Und nun war ich bei einer Oberärztin gelandet, die ihre Habil über Anorexien schrieb. Ich mittendrin, mit der Sicherheit einer 16-jährigen Erstgebärenden. Die Supervision dauerte stets länger als die Therapiestunden, nie hat jemand so viel Geduld gehabt mit mir.

Meine bulimische Patientin hatte schon ganz andere Autoritäten gekillt. Sie war ein Geschenk der Nachbaruniversität, nach 5 Jahren vergeblicher Behandlung. Davon 18 Monate auf Station, immer konsequent 8 Kilo unter Normal. 

Die Mutter im Familiengespräch: „Hätte ich dich nicht bekommen müssen, wär’ ich heute nicht MTA, sondern Oberarzt wie dein Vater!“ Nett, gelt?

Am liebsten erbrach sie die Bananen der Tochter ihrer jüngeren Wunschschwester. Eine Tendenz fand sich darin nicht, da war sie sich ganz sicher.

Dahinter standen Zwänge. Die begannen schlagartig nach einer Kommunionsstunde über Lots Weib. Eine Tendenz fand sich darin auch nicht. Da war sie sich auch ganz sicher. Ich hab’s einmal darauf ankommen lassen und die Schwestern angewiesen, nach dem Essen die Toilette zu sperren. Die Prügelei hat die Patientin gewonnen.

Sie war dauernd unter Spannung. Abgesehen vom Gewicht sah man’s ihr nicht an. Ich war auch andauernd unter Spannung. Hab’s auch nicht gezeigt. Unsere Gespräche lagen noch unter’m Hamburger Ideal. Wie kann ein Mensch auch Arzt werden!

Sie zu lassen: zwecklos. Sie zu begrenzen: zwecklos. Paradoxe Intention: zwecklos. Sie kannte alles: Gewichtspläne, Pünktlichkeit, Verabredungen, Kaliumwerte, Clomipramindosis – es gab keinen Bereich, wo sie mich nicht zu unterlaufen wusste.

15 Monate vergangen, 12 Monate Gruppe, 2 Einzelstunden pro Woche… 

Ich kenne den Anlass nicht mehr, aber eines Nachmittags war ich so was von sauer, dass ich sie mir ins Zimmer holte, die Polstertür hinter mir schloss und die Patientin anschrie, wie ich noch keinen Menschen je angeschrieben habe. Tür wieder aufgerissen, Patientin in den Flur gestoßen, Tür zugeknallt, nach Hause gegangen.

Nach dem Abendbrot sah ich sie in mir: totale Nahrungsverweigerung, Kotzen bis zum Schleimhautriss, Fortlaufen, Fenstersprung.

Nach dem Dienstbeginn sah ich sie vor mir: geschlafen wie immer, Erbrechen wie immer, gelassen wie immer.

3 Monate später: „Ich weiß mit Ihnen auch nicht weiter, wir treffen uns monatlich ambulant.“ Sie tat’s. Erbrechen wie immer, gelassen wie immer.


Ein Jahr später wagte ich zu fragen, warum sie mich so weit getrieben hatte: „Sie waren immer so gleich. Wir alle hier haben Ihnen das nicht abgenommen. Ich wollt ‘mal sehen, wie Sie wirklich sind.“
Tja, die Dialektik einer Psychotherapie. Seitdem bin ich lieber das warme Messer in der Butter.
Also Leute, traut euch, hm…, hm…

Anonymus



PABST SCIENCE PUBLISHERS
Lengerich, Berlin, Bremen, Riga, Rom, Viernheim, Wien, Zagreb
Verlagslogo