26. Jahrgang - Heft 3/2005

Unsere Seelenkunde über Sergej, den Koch und Professor für Kulturpsychologie (in Heft 4/2003 dieser Zeitschrift), hat wider Erwarten ein positives Echo gefunden, aber auch Diskussionen ausgelöst. Etwa wurde gefragt, ob wir uns mit dem kommentierten Abdruck von Rezepten nicht zu sehr in Richtung Alltagspsychologie in der Küche bewegten. Dieses Lob soll uns Anlass geben, dem Thema eine weitere Erfahrungskunde zu widmen. Denn die Tätigkeit der Psychotherapeuten ist häufiger mit der eines guten Kochs zu vergleichen, als manchem von uns lieb sein mag.

Kehren wir deshalb und heute erneut zum leichter verdaulichen Vokabular einer „Kultur des therapeutischen Kochens“ zurück. Diese unterscheidet sich nämlich vom normalen Kochbuch und den dort lesbaren alltagspsychologischen Anweisungen zur Bedienung der Küchengeräte und der Gäste gelegentlich wohltuend. In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich beide Perspektiven aber auch nicht.

Wie im guten Restaurant handelt es sich auch bei unseren Gästen um Zahlende. Vielleicht erhalten die Therapieräume bei zunehmendem Qualitätsmanagement demnächst ebenfalls Sterne oder Hauben, und früher oder später gibt es dann einen speziellen Therapieführer mit Ranking der Besten in unseren Reihen.

Ob ein Süppchen schmackhaft zubereitet ist oder nicht, ist bekanntlich schon nach dem ersten Löffel zu beurteilen. So rasch nun alle, die ihrer Sinne und damit auch des Urteilens mächtig sind, in positiver oder negativer Weise ihre Kritik an den Koch oder die Köchin bringen könnten, so wenig ist die Schnelligkeit des Urteils für das therapeutische Kochen von Belang. Denn es gibt häufiger Beurteilungsfehler dadurch, dass ein an sich wohlschmeckendes Süppchen Spätfolgen zeitigt, sei es in Form von allergischen Reaktionen, Ausdünstungen oder Verdauungsirritationen, sei es in Form verdeckt bleibender Schädigungen. Gelegentlich auch umgekehrt.

Welchen Anspruch sollte man nun an ein therapeutisch zubereitetes Süppchen stellen? Die Frage ist schwierig zu beantworten. Die typisch psychotherapeutische Haltung, der ja auch in der Pädagogik angehangen wird und die schon in der Bibel mit dem Gleichnis der Talente auftaucht, ist wohl auch hier angemessen: Jeder, der kocht, sollte sich nicht nur seinen individuellen Fähigkeiten entsprechend Mühe geben. Das genügt allenfalls für den Bereich der eigenen Familie. Nicht jedoch für den Therapieraum.

Professionelle Süppchenanbieter müssen sich – so viel Mühe muss sein – darüber hinaus an Standards messen lassen. An den Fertigsuppen zum Beispiel, denen die strenge Einhaltung der Richtlinien attestiert ist, und die heutzutage ein sehr hohes Niveau erreicht haben, so dass sie selbst bei Festessen Verwendung finden könnten und auch finden. Warum das Ende der Therapie nicht mit einem Festessen beschließen, als therapeutische Kür sozusagen?

Süppchen werden natürlich überall und auch symbolisch angerührt und gekocht. Während man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaut, ist dies bei einem gekauften etwas ganz anderes. Und so scheinen Kongressgebühren, Bücher oder was auch immer, ja scheint fast alles im Leben überteuert, so dass manch einer sein Süppchen schon gar nicht mehr essen mag.

An dieser Stelle sollte man ohne Skrupel eingestehen, dass auch Psychotherapeuten einfach nur ihr Süppchen kochen, von den Patienten ganz abgesehen. Durch Befragungen von Kollegen wird deutlich, dass die meisten von den Fertigsuppen ausgehen, diesen Basisfond aber durch individuelle Ergänzungen variieren, um dem eigenen und dem Geschmacksinn der Patienten besser zu entsprechen. Man sollte hier nicht gleich argwöhnen, dass es sich dabei nur um „Verschlimmbesserungen“ handeln könnte. Sonst würde ja auch ein ganz schön hässliches Süppchen ans Kochen gebracht.

Und so wird deutlich, dass es für eine befruchtende therapeutische Zweierbeziehung so unendlich viele Variationsmöglichkeiten von Standardsüppchen geben kann. Sie müssen nur im Rahmen bleiben. Und fällt einem einmal nichts mehr ein, können weitere Zutaten für die Variationen auch in der Apotheke eingekauft werden.

Dort gibt es zudem die Apothekenrundschau, kostenfrei und immer mit Tipps und Tricks für Alltagspsychotherapeuten. Nur zur Not machen wir noch einen Umweg über den Buchhändler mit seinen Kochmanualen und den immer gleichlautenden Hinweisen zur schonenden Zubereitung der Therapeut-Patient-Beziehung. Deshalb reicht vielleicht auch ein Antiquariat.



Sein eigenes und seiner Familie Süppchen kann man ja aus den Produkten der eigenen Gärten oder des Tante-Emma-Ladens von nebenan zusammenrühren.

Anonymus



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