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26. Jahrgang - Heft 2/2005
„Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen.“
Wir haben keine Wahl, auch nicht bei Wahlen, schon gar keine Schuld,
sondern „sind geprägt wie die Lorenz'schen Graugänse.“ Derartiges
versichert in der Nachfolge Skinner's heute der Neurophysiologe Wolf
Singer. Er ist sich sicher: „Verschaltungen legen uns fest.“ Ihn
selbst etwa darauf, seit Anfang 2004 erst in der FAZ und seitdem
wiederholt auch anderenorts zur „Erkenntnis“ der Hirnforschung zu
erklären: „Keiner kann anders als er [verschaltet...] ist.“
Mutig hatten sich Neurowissenschaftler allerdings schon vorher weit aus
dem Fenster gelehnt, visionär den Blick ins Land gerichtet – und in
ein grandioses Jahrtausend.
Es hatte soeben begonnen, als ein Neurophilosoph schaltete und dazu
ansetzte, in einem neu gegründeten „Magazin für Psychologie und
Hirnforschung“ zur Großprophylaxe der Öffentlichkeit zu schreiten
und sie rechtzeitig „auf die brisanten Erkenntnisse der modernen
Hirnforschung“ vorzubereiten, in der Überzeugung: „Die
Hirnforschung verändert in dramatischer Weise unser Menschenbild und
damit die Grundlage unserer Kultur, der Basis unserer ethischen wie
politischen Entscheidungen.“
Wer es zu lesen bekam, der fragte sich vielleicht, ob nach Marx, Haeckel
und anderen wieder einmal die Verkündigung einer „wissenschaftlichen
Weltanschauung“ drohe. Der Fachmann überschlug es schnell:
Neurophysiologie als Ersatz für persönliche Selbstbilder und
individuelles Selbstverständnis, für Ich- und Selbstbewusstsein,
Selbstmodelle in Psychologie und Psychotherapie und sonstigen
„Menschenbildern“ aller Art?
Da flog vor Verblüffung nicht nur wie weiland dem Bürger eines
Jakob van Hoddis bei seiner Vision eines Weltende's ...
...
vom spitzen Kopf der Hut.
In allen Lüften hallt es (vielmehr)
wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und
gehn entzwei.
Und an den Küsten liest man steigt die Flut.
Der Sturm ist da...
...als moderner Bildersturm, ja Bilderstreit, der
bislang als Spezialität von Theologen galt (trotz Bilderverbot im Alten
Testament vor dreitausend Jahr oder weit mehr).
Wenn da die „Neuroplastizität“ nicht wär': wegen der
Verschaltungen, die „uns“ festlegen, sich selbst aber jederzeit und
überall „umlegen“ oder besser gesagt sich unablässig verändern!
So hat sich jüngst auf dem DGVM - Psychotherapeutenkongress „Freier
Wille und Biologische Regulation“, der vom 2.-5. März in München
stattfand, Singer's bis dahin gleich gesinnter, pardon: „gleich
verschalteter“ Mitstreiter Gerhard Roth, der mit ihm im Herbst zuvor
noch DAS MANIFEST elf „bedeutender Neurobiologen“ mitgetragen hatte,
von jedem Reduktionismus psychischer Leistungen auf cerebrale
Neuronenaktivitäten und dabei feststellbare „physikochemische Vorgänge“
überrascher Weise ausdrücklich distanziert. Noch dazu gestand er dabei
sogar ein, dass der unter naturwissenschaftlich orientierten Forschern
oft vorausgesetzte prinzipielle oder weltanschauliche Determinismus auch
bloß „Glaube“ sei.
Sachlich wäre Roth damit auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt.
Denn auch in der Neurophysiologie lassen sich mit
„Korrelationsanalysen“ keine kausalen Relationen feststellen.
Methodologisch werden so gewonnene Daten „überinterpretiert“, wenn
irgendwelchen Reaktionen zeitlich vorlaufende Neuronenaktivitäten oder
Bereitschaftspotentiale als „ursächlich“ für erstere gedeutet
werden – beispielsweise bei Untersuchungen nach Art und Konstruktion
von Benjamin Libet, aufgrund derer Singer, Roth und andere unsere
„Willensfreiheit“ meinen in Abrede stellen zu können. Andere
glauben dasselbe aus „prinzipiellen Gründen“ sogar tun zu „müssen“...
Im Schrifttum wurde von Roth und Singer gelegentlich sogar darauf
hingewiesen, dass Neuronenaktivitäten an und für sich überhaupt
„bedeutungslos“ sind. Interpretierbar werden sie in der Tat erst und
nur in Bezug auf oder „relativ“ zu anderen Kenntnissen. Roth
beendete denn auch in seinem Vortrag auf dem Kongress recht besehen den
von ihm mit angezettelten Streit, indem er die Eigenständigkeit und
Bedeutung von Psychologie und Psychiatrie gegenüber
neurophysiologischer Forschung betonte.
Allerdings
ist zu fragen, warum methodologisch Selbstverständliches heute eigens
angesprochen und herausgehoben werden muss: Wissenschaft ist seit jeher
auf „Zusammenhangswissen“ aus. Schon einfachste Daten sind für uns
nur in ihrer Beziehung zu anderen interessant. Es sind diese Bezüge
oder eben „Zusammenhänge“, die als „geistiges Band“ sachlich
allerdings von besonderer Art sind – weil alle Zusammenhänge, die
nicht zeitlicher Art sind, nicht einfach „beobachtet“ werden können,
sondern erst „herausgefunden“ und „festgestellt“ werden müssen,
wenn sie nicht überhaupt erst von uns selbst hergestellt werden: in
Entscheidungen und Festlegungen durch persönliche Entschlüsse oder
gemeinsame Beschlüsse bis hin zu frei vereinbarten Regeln und Gesetzen,
an die wir uns „halten“, wenn wir uns in unserem bewussten Denken,
Planen und Handeln freiwillig an ihnen orientieren...

Bisher verschleiert in den Neurowissenschaften eine Art
„cerebraler Pseudopsychologie“, dass Hirnforscher bei der Analyse
der vielfältigen cerebralen Vorgänge auf valide psychologische
Einzelkenntnisse und genaues Wissen um psychologische Zusammenhänge
angewiesen sind: angefangen bei Wahrnehmungsprozessen aller Art,
einschließlich derjenigen, durch die wir uns eher dumpf „gefühlsmäßig“
zentraler motorischer und vegetativer Koordinations- und
Regulationsprozesse „bewusst“ werden, bis hin zu all den
„kognitiven“ Leistungen, in denen wir aktuelle oder erinnerte
Wahrnehmungen oder „Erfahrungen“ unter mehr oder weniger umsichtiger
Berücksichtigung des „Wissens“ verarbeiten, das einem aufgrund
eigener Erinnerungsfähigkeit dabei jeweils zur Verfügung steht.
In der Hirnforschung stützt man sich stattdessen auf Rhetorik! Noch
dazu besonders fragwürdige, mit der psychologisch schon lange überwundene
Primitivvorstellungen aus der Anfangszeit menschlichen Sinnierens und
Phantasierens über sich selbst fröhliche Urständ feiern.
Hirnforscher tun und reden nämlich so, als ob das Gehirn denkt, fühlt,
entscheidet usw. Durch diese sprachliche „Verschiebung“ werden für
uns höchst spezifische eigene Leistungen isoliert einem Organ, also
einem Teil von uns zugeschrieben, und zwar ohne Rücksicht darauf, dass
wir diese „Eigenleistungen“ nach unendlich langen Zeiten völlig
anderer Denkweise mittlerweile sogar bis in die „gewöhnliche“
Alltagssprache hinein uns „selbst“ (als „Personen“ oder noch
bezeichnender als „Individuen“) zurechnen.
Die Folgen sind gravierend, wie Max R. Bennett und Peter M. S. Hacker in
ihrem Lehrbuch Philosophical Foundations of Neuroscience
detailliert zeigen. Eine davon ist die Reaktivierung einer Denkfigur,
die aus vorwissenschaftlichen Zeiten bekannt ist: In neurophysiologisch
„veränderter“ Perspektive übt jetzt nämlich „das Gehirn“ die
Funktionen aus, die in der Vorstellungswelt eines René Descartes ein
ominöser „Geist“ bewerkstelligte – Erbe jener Geister, Dämonen
oder Götter, denen sich Menschen vorzeiten ausgesetzt wähnten.
Eine
Verpsychologisierung des Gehirns wäre tatsächlich eine
„dramatische“ Veränderung unseres Denkens: ein „geistiger“ Rückfall
hinter das von der modernen Psychologie Erreichte.
Anonymus
   
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