25. Jahrgang - Heft 4/2004

Befragungen zur Seele. Dritter Teil. Diesmal antwortet ein Kollege auf die Frage, ob und – wenn ja – warum sich heute, nach all’ den empirisch dokumentierten Therapieerfolgen, dennoch an der therapeutischen Kultur zweifeln ließe – und schreibt sich dabei ein wenig Frust von der Seele.

Zweifle nicht
an dem,
der dir sagt,
er hat Angst,
aber hab Angst
vor dem,
der dir sagt,
er kennt keinen Zweifel!
(Erich Fried 1974)

Ich weiß nicht, ob andere Kolleginnen ebenso wie ich an der eigenen Arbeit zweifeln. Geäußert jedenfalls wird Zweifel viel zu selten. Vielmehr scheint zu gelten: Je komplexer der wissenschaftliche Gegenstand, desto dogmatischer die Aussagen der Fachleute. „Patientin X hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.“ Äußerungen wie diese treten heutzutage als Feststellung und Faktum auf, nicht mehr als Hypothese, Konstrukt oder Frage.'
Die früher typische – und heuristisch wertvolle! – zweifelnde Psychologenhaltung („Es könnte so sein oder auch so oder vielleicht doch nicht ...?“) hat der Gleichschaltung durch den schulmedizinischen naiven Realismus („Es ist so und nicht anders!“) nicht standhalten können.
Ist diese öffentlich akzeptierte Art des „Wissens“ häufig nicht nur hohles, luftleeres Geschwätz, welches nur durch Standesautorität zur Geltung kommt? Dabei ist dieses selbstherrliche Gebäude der Psychomechanik bereits durch einfachste Mittel zum Einsturz zu bringen, nämlich durch mehrmaliges Fragen: „Woher weiß ich/ weißt du das?“
Probieren Sie es aus, indem Sie eine beliebige Aussage über einen Ihrer Klienten treffen, z. B.: „Die Angst von Klientin X wird aufrechterhalten, weil sie Situation a meidet.“ – Woher weiß ich das? – „Das besagt die Lerntheorie.“ – Woher weiß ich, dass diese Lerntheorie in diesem Fall anwendbar ist? – „Weil die Angst ja schon gelöscht wäre, wenn die Klientin nicht vermieden hätte.“
Sie sehen: Es handelt sich hier um eine zirkuläre Begründung. Andere typische „letzte“ Antworten lauten etwa: „Das hab‘ ich gelesen.“ – „Das weiß doch jeder.“ – „Das ist eben so.“ – „Die Intervention X hat laut Studie Y eine Effektivität von z %.“
Ich habe gegen Zirkularitäten nichts Grundsätzliches einzuwenden. Letzten Endes können wir diesem erkenntnistheoretischen Zirkel nicht entrinnen. Nur: Wenn wir zirkuläre Aussagen mit einem Ausrufungszeichen versehen („Sie dürfen a nicht mehr vermeiden!“) statt mit einem Fragezeichen („Wird es uns weiterhelfen, wenn Sie Situation a nicht mehr vermeiden?“), laufen wir Gefahr, hypothesenwidrige Anzeichen nicht ernst zu nehmen und beispielsweise – theoriengerecht! – mit der Exposition fortzufahren.
Nehmen wir in unserem Beispiel an, dass die Angst in den ersten Minuten exacerbiert: Also beruhigen wir unsere Klientin, indem wir ihr sagen, dass nach der Theorie der Anfall nach spätestens 20 Minuten nachlässt. Was aber, wenn unsere Vorhersage nicht eintritt? Dann folgern wir beispielsweise, dass das Vorgehen anders hätte hierarchisiert werden müssen, dass verdeckte Vermeidung stattgefunden hat usw.
Wir gehen also alle Anhaltspunkte, die diese Theorie bietet, durch, um den Fehler zu finden. Das ist auch noch nicht völlig falsch, wenngleich man der Klientin einiges Leid hätte ersparen können, wenn man „seine“ Theorie probeweise falsifiziert (oder zur Not auch sich selbst als für diese Klientin hilfreich in Frage gestellt) und andere theoretische Standpunkte eingenommen hätte – und sofern man zunächst im eigenen Theoriengebäude verbleiben will: Kann es vielleicht sein, dass nicht Vermeidungsverhalten gelöscht wird, sondern dass die Angst durch die Exposition im Sinne Napalkovs neu konditioniert wird?
Nehmen wir einmal weiter an: Wir haben mit allen Mitteln (Intervisionen, therapeutischen Beziehungsklärungen, theoretischen Erörterungen, Aufspüren verdeckter operants ...) versucht, das Scheitern abzuwenden, aber vergebens. Nun setzt die allen dogmatischen Gebilden inhärente Verifikations-Zirkularität ein. Dazu existieren in allen Anwendungen „Notfallkonstrukte“, die das Scheitern theorien- und therapeutenschonend „erklären“ und der Patientin (hier ist der Begriff leider zutreffend!) in die Schuhe schieben.
Solche Falsifikations-Blocker sind Konstrukte wie: Motivation, Einsichtsfähigkeit, Widerstand, Vermeidung, Krankheitsgewinn, Körperpanzer, Kontaktunterbrechung und, wenn alles nicht hilft: Todestrieb. Würde man derartige Konstrukte durch eine erkenntnistheoretische Brille betrachten, müsste man feststellen, dass diese keinesfalls individuelle Vorgänge beschreiben können, sondern immer schon ein Gegenüber, also hier: die Therapeutin, implizieren und somit Beschreibungen von Dyaden sind.
Einer solchen Interpretation werden jedoch weitere Konstrukte in den Weg gestellt: So bilden etwa Übertragung und Abstinenz Verteidigungswälle gegen die menschliche Einbeziehung des Therapeuten in das emotionale Geschehen mit der Klientin, vergleichbar der ehernen Prostituiertenregel, den Freier nicht auf den Mund zu küssen, um sich ja nicht in  diesen zu verlieben. Mit diesen Tricks wird der Therapeut aber vollends zur Hure,  indem er die Klientin zur emotionalen Befriedigung lockt, sich der menschlichen Begegnung dann aber verweigert.
Sie sehen, jede Schule hat da ihr eigenes Repertoire zur Selbstbestätigung, und man bedient sich zu diesem Zweck auch gern einmal im „feindlichen Lager“! Kommen Therapeuten (!) in der Arbeit mit Klientinnen nicht weiter, laufen zumeist die Klientinnen (!) Gefahr, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden: „Suchen Sie bei sich!“; „Was mag das wohl mit Ihnen zu tun haben?!“; „Können Sie sich vorstellen, welchen Anteil Sie selbst daran haben?“ Neuerlich wurde diesem Arsenal noch eine weitere Abwehrwaffe gegen Infragestellung hinzugefügt, nämlich das nachträgliche Diagnostizieren einer Persönlichkeitsstörung als Erklärungshilfe für schwierige Entwicklungen.
Diese Falsifikations-Blocker der Psychotherapien und die damit verbundene implizite Attribuierung der Schuld an Symptomgenese und Therapieversagen auf die Klientin verführt den Therapeuten allzu leicht dazu, das phänomenale Erleben der Klientin nur so weit zu würdigen, wie es das Material für die Anwendung der eigenen Theorie liefert: Negative Kognitionen etwa oder psychodynamische Konflikte dürfen und sollen mitgeteilt werden und erfahren entsprechende therapeutische Anerkennung. Schweift der Klient jedoch ab, wird er mit sanftem Nachdruck zu Thema und Schema zurückgeführt.
Schließlich ist Psychotherapie zum gesellschaftlichen Bewahrer geworden, zum Aufpasser und Anpasser. Wo sind eigentlich die emanzipatorischen, revolutionären Ansätze geblieben? Wo werden Klienten zur Ver-rückung erstarrter gesellschaftlicher Prinzipien ermutigt? Wo gibt es therapeutisch-politische Perspektiven auf das individuelle Symptom als Widerspiegelung gesellschaftlicher Aporien? Wer hat emanzipatorischen Therapieansätzen eigentlich den anarchistischen Zahn gezogen? Oder um mit dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter zu sprechen: „Unter den therapeutischen Erfolgskriterien taucht der Begriff emanzipatorisch nicht mehr auf“ (2004).


Meine eigene Haltung in diesem Diskurs möchte ich wie folgt umschreiben: Psychotherapie ist mehr als die Anwendung „wissenschaftlich fundierter und anerkannter“ Methoden. Sie ist auch menschliche Begegnung und Stellungnahme. Im psychotherapeutischen Handeln scheinen eigene Welterfahrung und philosophische, ethische und anthropologische Grundhaltungen auf. Diese können den Gang der Psychotherapie mehr beeinflussen als die expliziten Interventionen.
Psychotherapie benötigt viele verschiedene „Brillen“, durch die wir den Menschen betrachten. Unter existenzieller Perspektive beispielsweise werden nicht nur „Störungen“ behandelt, sondern es werden die Bedeutungen des Leidens betrachtet in seiner Einbettung in die Themen der Liebe, des Todes, der Krankheit, der Gesundheit, der Spiritualität, des Du, der Ausweglosigkeit und der Hoffnung. Ohne Verankerung in diesen Untergrund wäre Psychotherapie reine Psychotechnik.
Psychotherapie akzeptiert die Dialektik verschiedener Wahrheiten, von Ich und Du, von Gesundheit und Krankheit. Sie fördert Erneuerung und Heilung, indem sie das Sosein des anderen würdigt und dessen Veränderung nicht verlangt. Psychotherapie ist Begegnung, nicht Ent-Gegnung.
Der psychotherapeutische Standpunkt ist klar, aber auch zweifelhaft und beweglich. Insofern entspringt „die“ therapeutische Wahrheit weniger dem „wissenschaftlichen“ Hirn als der Relation der Beteiligten. Anstelle der „Haltung des Wissenden“ zeigt der Therapeut sokratische Demut mit den Konsequenzen der Neugier als heuristisches, Staunen als ästhetisches und Behutsamkeit als pragmatisches Leitmotiv.

Anonymus



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