25. Jahrgang - Heft 3/2004

Für alles gibt es in jüngster Zeit einen Ratgeber – von Essstörung bis Obstipation für Anfänger, vom Umgang mit parapsychologischen Erscheinungen im Alltag (Tischerücken leicht gemacht) bis hin zu Selbsthilfe von Borderlinestörungen bei Neurodermitiserkrankten (Können Klangschalen heilen?).
Ratgeber für Depressionserkrankungen heben sich durch eine besonders trostlose Aufmachung hervor. Diese wird nur noch durch spärliche und erdrückende Schwarzweißfotos gesteigert. Dass diese Ratgeber Ladenhüter wurden und Pharmavertreter selbige schleunigst wieder in ihrem Köfferchen verstauen mussten: Wen wundert’s?
Andererseits: Fröhliche Ratgeber für Depressive? Da stehen wohl einige Bedenken vor. Darf man über eine so ernsthafte Erkrankung ins Humorvolle hinein schreiben? Oder wäre das Blasphemie? Man könnte ihn auch Postdepressionsratgeber nennen, oder?
Wie wäre es, wenn Berufene einen heiteren Schwermutratgeber mit nicht depressiogenem Sprach- und Leseduktus veröffentlichen würden? Dies ist als ernsthafter Aufruf gemeint.
Das wirft natürlich die Frage auf: Gibt es evidenzbasierte Ratgebermodule für humorvolle Ratgebende? Anonymus ist bei seiner Recherche wiederum nur auf halblustige Ratgeber gestoßen, etwa für wissenschaftliche Darstellungen bis hin zu Rhetorikhelfern.
Fazit: Der heitere Ratgebende wird bis anhin ratlos gelassen. Wir müssen also unser/en Rad/t selbst erfinden. Also, auf geht’s! Machen Sie mit, liebe Leser! Vielleicht bekommen wir auf diese Weise über mehrere ErfahrungsSeelenkunden hinweg ja einen brauchbaren aufhellenden Ratgeber für depressive Patienten zusammen.
Beginnen möchte ich selbst, als Anregung, und weil damit jede Behandlung beginnt, mit dem Thema Diagnostik. Schon das Ausfüllen des BDI oder die Befragung zur Depression mittels SKID fördern und verstärken beim Patienten die sowieso kreiselnde depressiogene Abwärtsspirale, die es von Anfang an aufzuhalten gilt.
Im Apropos finden Sie einen Alternativ-BDI, den wir wegen des Urheberrechts natürlich gar nicht so bezeichnen dürfen. Vielleicht fällt einem Leser eine gute Testbezeichnung ein. Legen Sie beim Durchlesen doch einfach einmal den BDI oder das DSM oder die ICD daneben, um uns bei der weiteren Optimierung des Inventars zu unterstützen.


Lieber Patient. Mit dieser Befragung möchten wir gern die von Ihnen bereits erreichte Depressionstiefe ihrer Seele erfassen. Schreiben Sie locker Zahlen hinter jede Aussage: trifft nicht zu (0); trifft selten zu (1); trifft häufig zu (2); trifft dauernd zu (3) – und zählen Sie später einfach die Punkte zusammen.

A
Ich wollte immer schon alles über Traurigkeit wissen, habe aber niemanden zu fragen gewagt.

B
Ich mache schon längere Zeit keine trostlosen Besuche mehr und langweile mich dann allein.

C
Schäfchen zählen hilft beim Einschlafen nicht mehr, weil mich jedes Schaf wach halten möchte.

D
Von großem Übel ist der Grübel: Kummer und Sorgen am frühen Morgen treiben Dübel in den Schädelkübel.

E
Die einen werden Hungerkünstler, die anderen Schwergewichtsmeister. Ich gehöre auch zu einer dieser beiden Fraktionen.

F
Früher waren Probleme und Konflikte die Basis für meine Entwicklung. Heute sind Probleme und Konflikte die Basis für Stagnation.

G
Frühere Sinnflut ist in eine Sinn­ebbe übergegangen.

H
Interessante Selbstgespräche setzen einen klugen Gesprächspartner voraus. Das bin ich nicht.

I
Nüchtern betrachtet gehen meine Uhren immer langsamer.

J
Andere haben den Eindruck, dass mein Skeptizismus ansteckend sei.

K
Meine Sicht der Dinge ist richtig, nur die anderen wollen das nicht einsehen.

L
Meine Gedanken zwingen mich, nur noch dunkelwärts zu denken.

M
Früher hatte ich häufiger die Phantasie sexueller Nebenbeziehungen. Heute lockt nicht einmal die Vorstellung von serieller Monogamie.

N
Überall um mich her scheint Lichtzwang zu herrschen, dabei sehe ich nicht mal ein Licht am Ende des Tunnels.

O
Wenn ich mich zwischen zwei Sünden entscheiden muss, begehe ich immer die, die ich kenne. Da kenne ich auch die Schuldgefühle.

P
Bei mir scheint die Melancholie zur Melancholera auszuarten.

Q
Meine kognitiven Konstruktionen wirken auf andere immer unangenehm überzeugend.

R
Ich möchte gern von vorne beginnen, weiß nur nicht, wo vorne ist.

S
Wer keine Haare spaltet, hat nicht genug zum Kämmen. Ich fühle mich inzwischen wie mit Glatze.

T
Ich denke nicht gern an die Zukunft, weil das sowieso der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens zubringen werde.

U
Manchmal fühle ich mich wie ein Gott: müde, angeekelt und einsam.


Auswertung:
Wenn Ihre Punktzahl über 18 reicht, dann sind Sie bei mir richtig, und ich behandle sie gern. Ihr Therapeut.


Anonymus



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