25. Jahrgang - Heft 2/2004

Befragungen zur Seele. Zweiter Teil. Heute antwortet uns der Leitende Psychologe einer Klinik zum Umgang seiner Kollegen mit freien Räumen zwischen den vielfältigen Aufgaben, die es täglich in der Klinik zu bewältigen gilt:

Je nach Standpunkt, von dem aus man sie betrachtet, sind Freiräume zu besetzen, mit dem Ziel, sie kreativ auszufüllen. Zuvörderst geht es aber darum, sie zu beseitigen, mit dem Ziel, die Löcher zu stopfen, die zu unerwünschten Kapazitätsminderungen führen.

Offenbar ist die Freiräume-ritis ein institutionelles oder Großgruppenphänomen. Manchmal nämlich hat man den Eindruck, es mit Schweizer Käse zu tun zu haben oder mit Sprudelwasser, das immer neue Freiräume produziert. Dann hat man ein Problem.

Aber es gibt auch Erfolge zu verzeichnen. Jedenfalls in unserer Einrichtung. Nur zum Beispiel: Wenn Geburtstag oder sonst was zu feiern ist, nehmen wir dafür die Mittagspause, und die Gefeierten spendieren Leckereien, die inzwischen ein Niveau erreicht haben, das jedes Kantinenessen vergessen lässt.

Andererseits gibt es in unserer Einrichtung Mitarbeiter, die täglich in Freiräumen oder, wie wir manchmal sagen, in schwarzen Löchern verschwinden und ihre verschiedenen Schwätzchen halten.

Als wir noch um 8:00 Uhr zum Dienstbeginn erscheinen mussten, dem um 8:30 Uhr das Konferenzplenum folgte, hatte man doch einen gewissen Freiraum, sich zu verspäten. Aber die zwanghaft Pünktlichen drängten auf eine Gleitzeitregelung, die inzwischen eingeführt ist.

So lästig es ist, mit Chaoten zusammenarbeiten zu müssen, so ärgerlich ist es mitunter auch mit den Zwanghaften. Die erleben heimlich ihren Zwang als Freiraum, wenn sie in der Dienstzeit ihrem Hobby nachgehen, andere nerven zu müssen. Wegen denen müssen andere nicht nur gelegentlich auf wertvolle Freiräume verzichten. Da bin ich in meiner Funktion als leitender Kollege weniger zwanghaft.

Insgesamt hat der inzwischen gut durchdachte Dienstplan viele der früher vorhandenen Freiräume abgeschafft. Allerdings gibt es ein paar Routiniers, die ihre schriftlichen Arbeiten aus dem Ärmel schütteln und damit wiederum Freiräume für sich schaffen. Dagegen ist bisher kein Kraut gewachsen.

Es muss hier einmal klar gesagt werden: Freiräume während der Arbeitszeit, die nicht dienstlich genutzt werden, sind Diebstahl an der Arbeitszeit. Und da Zeit Geld ist, könnte man genau errechnen, wie viel Geld jeder seinem Arbeitgeber täglich entwendet. Da gönnen wohl viele nicht nur sich, sondern auch ihrem Gewissen freie Räume.

Ein kleiner Ausgleich ist allerdings bei uns dadurch gegeben, dass nicht mehr nach Tarif bezahlt wird. Damit nähern wir uns langsam der Situation der Niedergelassenen an, für die eine kurzfristige, aber nicht abrechnungsfähige Absage eines Patienten als Störung erlebt wird. Ein niedergelassener Kollege, den ich gut kenne, berechnet grundsätzlich seine Freizeit nach Stundensatz, einfach um sich den Freiraum etwas kosten zu lassen und sich weigstens symbolisch was zu gönnen.


In zwei weiteren Punkten jedenfalls besteht noch Klärungsbedarf. Die Mitarbeiter haben in Vertretungssituationen bekanntlich mit Mehrarbeit zu tun, ohne dass man genau weiß, wo sie die notwendigen Freiräume dazu eigentlich hernehmen. Es muss also immer noch Freiraum vorhanden sein, oder?

So haben wir denn auch gewisse Belege dafür, dass viele Mitarbeiter ihre freie Zeit gar nicht recht zu nutzen wissen und diese Freiräume eher als unbefriedigend erleben. In Grenzen könnte ich mir vorstellen, dass diese Freizeitfreiräume durch ein Hobby ausgefüllt werden, etwa um eine innere Befriedigung herbeizuführen. Besser wäre es sicherlich, wenn viel mehr Menschen ihren Beruf zum Hobby machten, ähnlich den Zwanghaften, nur anders.

ANONYMici



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