24. Jahrgang - Heft 4/2003

Es gibt – nicht nur im privaten Bereich – Menschen, die kleben sofort an einem. Man spricht vom Dependenz- oder Kontaktklebersyndrom. Will man zum Beispiel als Therapeutin Urlaub machen, würden diese Pattex-Patienten einen am liebsten begleiten, selbst auf die Salmonellen oder die Vermaledeiten, was ja nicht ganz billig ist.

Dummerweise sind wir Therapeuten ja selbst schuld, bieten wir doch unseren Patienten professionell eine Kontaktfläche, an die sie ando-
cken können.

Der Patient soll andocken, aber nicht kleben! Das zu unterscheiden ist ja aber gerade das Problem vieler Patienten. Wie kann man also eine diesbezügliche Erwartung überhaupt hegen?

Kontaktkleber kleben halt bei der ersten Berührung, und viele Kollegen tun sich schwer, zuzugeben, dass sie manche Patienten seit Jahren nicht los werden, was nicht weniger demütigend ist, als eine hohe Abbrecherquote zu gestehen.

Ganz hilflos sind wir Therapeuten natürlich nicht, aber nur, weil wir die Störung immer beim Patienten suchen. Wie etwa meine Freundin, die grundsätzlich alle Patienten als entweder "bindungsunfähig" oder "symbiotisch" klassifiziert, weiters auch noch als "aggressiv" oder "aggressiv-gehemmt", und so weiter.

Im Prinzip gibt ihr ja die Natur recht, bei dieser polarisierenden Sicht. Selbstverständlich hilft uns auch die unseren Kompetenznarzissmus letztlich demütigende Begrenzung der Sitzungsanzahl durch die Kassen. Schwer zu verhindern ist allerdings die Ansiedlung eigener Patienten in der Nachbarschaft. Deshalb sollte man von Zeit zu Zeit seine Praxis oder seinen Wohnsitz im Umkreis von 50 Kilometern verlegen, am besten im Uhrzeigersinn.

Die Kunst des Therapeuten besteht also darin, dass er gegenreguliert: Bei zu viel "Säure" wird "Lauge" hinzugegeben und umgekehrt. So bleibt die Mischung neutral bzw. unschädlich. Es geht sozusagen um die "goldene Mitte". Denn da ist nicht nur die Mehrheit zu Hause, sondern da wohnen auch Herr und Frau Durchschnitt.

Auch wenn wir Therapeuten immer hoffen, einem überdurchschnittlich begabten Patienten in künstlerischer oder anderswie preisverdächtiger Weise zum Durchbruch zu verhelfen und zum Dank von diesem immer wieder öffentlich benannt zu werden, rechtfertigt das nicht, jedes Kontaktklebersyndrom in Kauf zu nehmen, da sich überaus selten dahinter ein Genies verbergen. Diese sind eher bei den Therapieabbrechern zu vermuten.

Kassentechnisch bedeutet dies zum einen, zu verhindern, dass Patienten die Therapie vorzeitig abbrechen. Das geschieht durch Aufbau einer Durchhaltemotivation für die Dauer von 25 Sitzungen. In der Tat kann diese zum einzigen Therapieziel werden.

Zum anderen gilt es, nach 60 Sitzungen zu checken, ob man nicht unversehens einem Kontaktklebersyndrom aufgesessen ist und zu der einzigen dann wirksamen Therapie, der Selbstzahlung in doppelter Kassenhöhe, greifen sollte.

Ergo: Patienten sollten nicht kleben, höchstens haften! Möglichst wie Haftnotizblätter: leicht entfernbar und nur bedingt mehrfach verwendbar. Und wenn’s länger dauert, haften Haftnotizblätter nicht mehr aus eigener Klebe. Zeit ist am Durchschnitt zu bemessen, deshalb gilt "Time to say good bye."


Es war immer schon herausfordernd, gegen den Strom der Meinungen zu schwimmen.

Willst du nicht mehr?
Nun denn: Lass dich einfach im Strom treiben und verschwinde im Meer der Meinungsvielfalt.

Hoffentlich unerkannt.
Und hoffentlich nicht unangepasst.
Unangepasst nämlich fällst du auf, was du ja nicht willst.

Oder doch?

Dann lass dich nicht treiben!

ANONYMici



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