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24. Jahrgang - Heft 3/2003
Trauma und Traumabehandlung stehen im Mittelpunkt nicht nur des wissenschaftlichen Interesses, sondern sie stoßen auch in der Öffentlichkeit auf breite Resonanz. Wir fragen uns, woran das heute liegt, nach einem halben Jahrhundert ohne Krieg im eigenen Land und ohne kollektive Katastrophen, d.h. ohne die vordergründigen Ursachen von Traumatisierungen? Vielleicht können wir es jetzt erst leisten, die individuellen Traumatisierungen zu sehen, nachdem bei uns die kollektiven Kriegstraumatisierungen an Bedeutung verloren haben. Vielleicht lässt erst eine Epoche der relativen Ruhe erkennen, dass diese friedliche Ruhe nur eine scheinbare ist und dass dort, wo Menschen mit Menschen umgehen, sie einander auch Gewalt antun und einander traumatisieren. Sie tun es nicht in dem massenhaften Ausmaße und mit der Selbstverständlichkeit wie im Kriege. Aber sie tun es mit einer Nachhaltigkeit, welche bei den Betroffenen ein Leben lang wirksam bleibt, großes subjektives Leiden und objektivierbare Krankheitszeichen hervorruft und indirekt erhebliche volkswirtschaftliche Kosten aufwirft. Wenn wir einen Seitenblick auf die Befunde der Verhaltensbiologie werfen, gewinnen wir den Eindruck, dass das Leben ohnehin keine Idylle ist. Im Tierreich werden männliche Tiere von den jeweils überlegenen männlichen Tieren attackiert und von der Fortpflanzung ausgeschlossen. Weibliche Tiere werden von männlichen Tieren sexuell überwältigt. Bereits vorhandene Junge aus anderen Verbindungen werden getötet, die von ihren Eltern ungeschützten Jungen werden von Artfremden gejagt und als Nahrung genommen. Die meisten freilebenden Tiere, die ein gewisses Alter erreicht haben, sind Überlebende, die nur beinahe getötet oder gefressen wurden. Wie es ihnen damit ergeht, wissen wir nicht genau. Im Zusammenleben der Menschen gelten offiziell andere Regeln. Es sind Regeln der Kultur und Zivilisation, ethische Regeln der wechselseitigen Akzeptanz und empathischen Einfühlung. Es sind Regeln, die in der Menschheitsgeschichte durch die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur sprachlichen Kommunikation möglich geworden sind. Diese humanen Regeln kommen unter günstigen Bedingungen zum Tragen und erlauben es dem Einzelnen und seiner Gemeinschaft, sich unbelastet zu entwickeln. Aber in Ergänzung zu diesen geistig-kulturellen Grundlagen gelten für Menschen nach wie vor auch die Regeln der biologisch-animalischen Welt. Auch Menschen sind, zumindest potenziell, triebgesteuerte Primaten, die einen ausgeprägten Hang zur Grausamkeit erkennen lassen. Sie sind keineswegs durchweg edel, hilfreich und gut – auch wenn wir das für uns als Ideal postulieren und es speziell von den uns jeweils nahe stehenden Menschen, z.B. unseren Familienangehörigen und Freunden erhoffen. Menschen neigen dazu, diese Sehnsucht nach dem Idealen auf ferne Gruppen zu entwerfen. Ein Beispiel dafür sind die Griechen der Antike, diese edlen Menschen mit ihrem klaren Denken, ihrer Ästhetik und Religiosität, die zum Ideal des Humanismus und der deutschen Klassik wurden. Im Kontrast dazu beschreibt der Historiker Jakob Burckhardt als historische Realität der antiken Griechen ihre unglaubliche Grausamkeit in endlosen kriegerischen Auseinandersetzungen mit habitueller Tötung der Männer, Vergewaltigung der Frauen, Folterung der Sklaven, Verkauf der Kinder, Verwüstung der Landwirtschaft, Niederbrennen der Städte usw. So führt die Beschäftigung mit der Geschichte von Völkern, aber auch das Studium der Lebensgeschichte von Individuen häufig zur Desillusionierung. Es gibt nicht die eindeutig Guten und Bösen und wir
selbst und unsere Nächsten gehören nicht selbstverständlich zu den
Guten, die auf die Bösen mit moralischer Überlegenheit herabblicken
können. So wie die menschliche Natur beschaffen ist, gehört das Risiko
traumatisiert zu werden, zu den Risiken derer, die überleben. Es sind
nicht alle traumatisiert, aber es ist erschreckend zu sehen, wie viele
es sind.
Man kann verstehen, dass manche den Wunsch haben, Traumatisierungen für den Einzelnen zu vermeiden und daraus präventive Forderungen ableiten, die moralisch oder moralisierend klingen: Kinder müssen geschützt werden vor ihren Eltern, Frauen vor Männern, Verkehrsteilnehmer vor verantwortungslosen Autofahrern, die Gesellschaft vor sich selbst. Man darf zweifeln, ob den Opfern damit geholfen ist und ob durch strikte Regelungen oder Schuldzuweisungen weitere Opfer verhindert werden können. Das, was Traumatherapeuten tun, folgt einer anderen Logik. Sie versorgen die Überlebenden, Traumatisierten. Sie versuchen diagnostisch zu klären, in welchen klinischen Bildern Traumen in verborgener Weise eingewoben sind. Und sie arbeiten an der Entwicklung von Behandlungsmaßnahmen, welche es diesen Menschen erlauben, das Erlebte in ihr Leben zu integrieren und sich neuen Zielen zuzuwenden, also individuelle Wege aus ihrer Wortlosigkeit zu finden. In diesem Bemühen gibt es allerdings zurzeit viel Traumatherapie und zu wenig Traumaforschung. Damit meine ich nicht, dass weniger Behandlungsbedarf besteht, sondern dass, was und wie therapiert wird, noch sehr viel genauer und systematischer wissenschaftlich untersucht werden muss. Ich betone diesen Akzent der Forschung, weil ich sicher bin, dass sich nur dadurch der Gestus des therapeutisch gut Gemeinten in einen professionellen Standard des gut Gemachten überführen lässt. Dieses Heft über Borderline-Störungen, die häufig auf Traumaerfahrungen zurückgehen, ist dabei nicht mehr als ein kleines Mosaiksteinchen. Aber auch nicht weniger. ANONYMUS
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