24. Jahrgang - Heft 1/2003

Patienten reden ständig über die Zeit. Dabei ist es egal, zu welcher Zeit man mit ihnen redet.
"Zeit" ist Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Wäre es nicht so, hätten unsere Patienten nicht viel zu bereden.
Man könnte mit anderen Worten auch sagen, der Mensch redet immer entweder von seinen Erinnerungen an früher, von seiner gegenwärtigen Situation oder von seinen Erwartungen an die Zukunft.
Es nimmt also nicht weiter Wunder, wenn sich auch die psychotherapeutischen Strategien und Maßnahmen nach diesem Muster einteilen lassen: Wer als Patient nur in der Vergangenheit lebt, wird ermutigt in die Gegenwart zurückzufinden, um endlich den Blick nach vorne frei zu bekommen. Zukunftsfixierte oder gar zukunftssüchtige Menschen kann man endlich mit ihrer persönlichen Geschichte und gegenwärtigen Gewordenheit aussöhnen. Und für diejenigen, die gegenwartsorientiert immer nur von der Hand in den Mund leben, bieten sich nach dem therapeutischen Motto "Zurück in die Zukunft" sogar zwei Richtungen für Veränderungsprozesse an.
Blöd und nachteilig ist nur, wenn man als Therapeut zu engstirnig auf eine Perspektive festgelegt ist. Die Zeitdimension in der Betrachtung psychischer Störungen und ihrer Behandlung könnte nicht nur die Schwachstellen in den bisherigen Therapieschulen offen legen. Sie könnte entscheidend zur Integration therapeutischer Verfahren beitragen.
Wer beispielsweise als Psychotherapeut ausschließlich auf ein ewiges Bohren und Stochern im gefühlsmäßigen Hier und Jetzt fixiert ist, wird zwar bei gegenwartsfixierten Patienten zunächst keine Schwierigkeiten haben, eine vertrauensvoll-komplementäre Beziehung aufzubauen. Ob aus der gebetsmühlenartigen Wiederholung des ewig Gleichen jedoch ganz zwanglos auch ein Bewusstsein für die eigene Geschichte oder zielorientiertes Handeln erwächst, das kann erheblich in Zweifel gezogen werden.
Gleiches darf – als weiteres Beispiel – bei vorrangig zielorientiert arbeitenden oder immer nur nach Sinn suchenden Psychotherapeuten zu erwarten sein, wenn diese es mit sowieso schon zukunftsfixierten Problemen zu tun bekommen wie z.B. mit Glaube an Hellseherei oder Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod, mit hypochondrischen Erwartungen, Lottogewinnsucht oder Horoskopabhängigkeit. Zwar dürfte auch hier über das gemeinsame Anliegen, nämlich nach vorn zu schauen, unmittelbare komplementäre Einigkeit bestehen. In der therapeutischen Gegenwart jedoch dürften sich schnell Diskrepanzen und Uneinigkeiten über realistische Ziele und Sinnhaftigkeit aufbauen, die ohne Blick in die Lebensgeschichte kaum sinnvoll aufgelöst werden können.
Und jetzt muss auch schon gar nicht mehr sonderlich betont werden, dass weder die immer wieder kreisförmig laufende Rückwärtsbeschäftigung mit einst vollbrachten Heldentaten, noch das Dauerbad im bereits lebenslang währenden Selbstmitleid zu entscheidenden Fortschritten führen wird, auch wenn sich Rückwärts-Patienten auf einen analysierenden Therapiestil zunächst problemlos einlassen werden, vielleicht sogar glücklich sind, endlich einen Therapeuten gefunden zu haben, der sich für die eigene Leidensgeschichte so ausgiebig interessiert.


So zeigt sich denn, dass die hier empfohlene zeitdimensionsorientierte Psychotherapie neue Anforderungen an die Fachkompetenz der Therapeuten stellt. Nicht nur, dass sich die Therapeuten recht flexibel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her bewegen müssen, vermutlich werden die meisten auch mit einigen lieb gewordenen Gewohnheiten, die sie in ihrer Therapieschulausbildung gelernt haben, radikal brechen.
Insbesondere das Widerstandskonzept muss unter der Zeit-Perspektive theoretisch neu ausgearbeitet, empirisch untersucht und praktisch nutzbar gemacht werden, um kluge Therapiepläne schmieden zu können.
Letzteres gilt vor allem für einen hilfreichen Umgang mit gegenwartsbezogenen Patienten, der deshalb nicht einfach ist, weil Gegenwart einerseits stets andauernd ist, indem sie fortwährend die Zukunft zur Gegenwart macht, andererseits stets nicht von Dauer ist, da sie sogleich wieder Vergangenheit wird.
Dies ist vermutlich einer der Gründe, weshalb sich vergangenheits- oder zukunftsfixierte Menschen vehement verweigern, in der Gegenwart zu leben. Eher kommt es schon mal zu seltsamen Kippvorgängen zwischen Vergangenheits- und Zukunftsfixierung, indem Depressive plötzlich manisch werden und Narzissten unvermittelt depressiv reagieren. Das ist ja verständlich, weil, wie angedeutet, die Gegenwart sich ziert und windet, Beständigkeit zu zeigen.
Deshalb ist auch richtig: Wer beständig in der Gegenwart lebt, also in Zeitlosigkeit, ist nicht so recht auf die Vergangenheit oder Zukunft hin ansprechbar, gelegentlich nicht einmal auf die Gegenwart selbst – auch nicht unter Hypnose oder Elektrokrampf-Behandlung. Derartige Zustände sind etwa beim Alzheimer gegeben, im Schlaf, bei der ewigen Ruhe, ansatzweise auch beim Surfen im Internet usw.
Letztere Beobachtung sollte uns aber auch gemahnen, nicht aus jeder einseitigen zeitlichen Fixierung gleich ein psychotherapeutisch zu behandelndes Problem zu machen. Schneckentempo ist gelegentlich wie Lichtgeschwindigkeit. Es hängt alles von der Zeit-Perspektive ab.
Oder um noch ein anderes Bild zu verwenden: Zeit-Therapie ist wie eine Reise im Intercity-Express. Die meiste Zeit wird still gesessen, obwohl sich Vergangenheit ständig in Zukunft verwandelt. Um den unverbrüchlichen Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erkennen, braucht man nur aus dem Abteilfenster zu schauen oder in einem Zeit-Psychotherapeuten den richtigen Gesprächspartner finden.
Und psychische Gestörtheit kann man üblicherweise ebenfalls leicht erkennen – in der ICE-Zeit-Therapie z.B. daran, dass jemand bei der Zugfahrt auf die sprichwörtliche Pünktlichkeit der Bahn besteht. Der Betreffende kennt dann entweder die Vergangenheit nicht – oder schaut aktuell selten zur Uhr – oder träumt bereits ein Leben lang mit geschlossenen Augen vom Gepäckträger am Bahnsteig.

Anonymici



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