23. Jahrgang - Heft 4/2002

Eltern:

So unterschiedlich auch die Erziehungssituation von uns allen gewesen sein mag, sie beinhaltet immer die Erfahrung, dass Eltern ihre Kinder dringend brauchen. Kinder sind ihren Eltern in vielerlei Hinsicht eine Hilfe. Hier ist jetzt nicht gemeint, dass eine Tochter gelegentlich mal ihrer Mutter beim Aufräumen hilft. Nein, Eltern brauchen ihre Kinder in geradezu existenzieller Weise. Zum Beispiel:
Eltern brauchen ihre Kinder, um sich an ihnen zu erfreuen und um sich dabei in ihnen zu spiegeln. Denn in jedem eigenen Kind steckt vielleicht doch noch das Genie, das es zu entdecken und zu fördern gilt.
Selbst wenn sich diese Hoffnung nicht erfüllt, sind Kinder vom ersten Tag an unverzichtbar nützlich, da sie sich den Eltern zur Verfügung stellen, wenn diese jemanden brauchen, um innere Spannungen und Frust abzubauen. Auch bieten Kinder vielen Eltern eine große Hilfe bei der Suche nach Entschuldigungen. Zum Beispiel dafür, dass der Haushalt unordentlich geführt wird, dass man eine lästige Einladung nicht einhalten kann, dass man abends kaputt vor dem Fernseher einschläft, dass ein Fleck im Hemd oder ein blaues Auge sichtbar sind. Und so weiter und so fort.

Kinder:

Aufgrund solch banaler Erfahrungen sind Kinder schon früh im Leben der gut begründeten Auffassung, dass Erwachsene ohne sie weitgehend funktionsunfähig wären. Das macht stolz, selbstsicher und gibt ein gutes Gefühl der Unentbehrlichkeit. Wie oft hat man sich doch als Kind vorgestellt, dass die Eltern, falls man sie im Stich ließe, in tiefste Trauer versänken oder sich gegenseitig an die Gurgel gingen?
Man sollte Kindern also wegen der vielen positiven Effekte die elterliche Abhängigkeit nicht vorenthalten, was deutlich gemacht werden sollte. Dies schon gar nicht, wenn die genannten Erfahrungen der Kinder, die in Begriffen wie Einflusskompetenz oder Machterleben zusammengefasst werden könnten, schließlich auf natürliche Weise nach mehr desselben drängen. Spätestens in der Jugend wird nämlich völlig klar erkennbar, dass nicht nur die Eltern auf einen angewiesen sein sollen. Nein, möglichst vielen Menschen möchte man die inzwischen erworbene Unverzichtbarkeit zuteil werden lassen.

Therapeuten:

In einem Prozess der intensiven Suche nach der umfassendsten und edelsten Form des unverzichtbaren Helfertums und der humanen Einflussnahme gelangen unverzichtbare Kinder unweigerlich bei dem Wunsch, Psychotherapeut zu werden. Schließlich übertrifft doch diese Profession in den Möglichkeiten persönlicher Einwirkung auf andere Menschen die medizinische Kunstfertigkeit in vielerlei Hinsicht, weshalb ja viele Mediziner ihrerseits den Psychotherapeutenberuf draufsatteln, um die schmerzliche Lücke zu den Kindheitserfahrungen endlich vollständig zu schließen.
Viel zu spät erst werden sich Psychotherapeuten bewusst, dass sie bei all ihrem Leben für andere dennoch in eine Falle geraten sind. Denn auch noch in der Selbsterfahrung und Eigentherapie wird man ausgiebig weiter darin unterwiesen, wie man die lebenslang eingeübte Einflusskompetenz technisch ausfeilen und optimieren kann. Spätestens im harten Berufsalltag jedoch schnappt dann die Falle zu.
Man hatte von Begriffen wie "Flooding" und "Habituation" bereits in der Therapieausbildung gehört; wie dieses "Flooding by Habituation" jedoch tatsächlich aussieht, das erlebt man jetzt nicht nur bei Patienten, sondern am eigenen Leib. Das Gefühl, gebraucht zu werden oder helfen zu wollen, therapiert sich in der Praxis von selbst!

 

Und so kommt es, wie es kommen muss: Nach mehr oder weniger lange sich hinziehendem Anfangsflow wird man spätestens alle fünf Jahre überlegen, wie man denn nun weiter leben will. Diese rezidivierenden Episoden, die keineswegs zur Störung werden müssen, werden nach unseren Beobachtungen im Allgemeinen durch stets neue Weiterbildungen oder durch Hausbau oder auch durch Scheidung immer wieder aufgefangen. Das System trägt sich inzwischen durch sich selbst.

Erwachsene Kinder:

Nur noch ganz gelegentlich wird auch einmal die Zeugung eines Kindes als Ausweg gewählt, was ja keineswegs mit unseren Thesen in Widerspruch steht. Auf das Eltern-Sein ist man als Psychotherapeut professionell vorbereitet, und was unsere Kinder angeht, werden einige sicherlich gute Therapeuten, weil wir sie angesichts zunehmend abflachender Helferemotionen nunmehr für viele notwendige Ausreden unsererseits dringend benötigen.
Natürlich, viele Psychotherapeuten halten ihre genuin kindliche Helfermotivation auch nur einfach so ein Leben lang durch. Sie gehen ungebrochen ihren Weg, gehen ihrer Arbeit nicht nur aus Berufung nach, sondern gehen in ihr auf, sie gehen keine Ehe ein, gehen um ihrer Patienten-Willen selten in Urlaub, und sie gehen erst in Rente, wenn es gar nicht mehr gehen will.

So viel Gehen ist einerseits zwar ein Vergehen, wie es andererseits eben auch keines ist.

Anonymus



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