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23. Jahrgang - Heft 4/2002
Eltern: So unterschiedlich auch die Erziehungssituation von uns
allen gewesen sein mag, sie beinhaltet immer die Erfahrung, dass Eltern
ihre Kinder dringend brauchen. Kinder sind ihren Eltern in vielerlei
Hinsicht eine Hilfe. Hier ist jetzt nicht gemeint, dass eine Tochter
gelegentlich mal ihrer Mutter beim Aufräumen hilft. Nein, Eltern
brauchen ihre Kinder in geradezu existenzieller Weise. Zum Beispiel: Kinder: Aufgrund solch banaler Erfahrungen sind Kinder schon
früh im Leben der gut begründeten Auffassung, dass Erwachsene ohne sie
weitgehend funktionsunfähig wären. Das macht stolz, selbstsicher und
gibt ein gutes Gefühl der Unentbehrlichkeit. Wie oft hat man sich doch
als Kind vorgestellt, dass die Eltern, falls man sie im Stich ließe, in
tiefste Trauer versänken oder sich gegenseitig an die Gurgel gingen? Therapeuten: In einem Prozess der intensiven Suche nach der
umfassendsten und edelsten Form des unverzichtbaren Helfertums und der
humanen Einflussnahme gelangen unverzichtbare Kinder unweigerlich bei
dem Wunsch, Psychotherapeut zu werden. Schließlich übertrifft doch
diese Profession in den Möglichkeiten persönlicher Einwirkung auf
andere Menschen die medizinische Kunstfertigkeit in vielerlei Hinsicht,
weshalb ja viele Mediziner ihrerseits den Psychotherapeutenberuf
draufsatteln, um die schmerzliche Lücke zu den Kindheitserfahrungen
endlich vollständig zu schließen.
Und so kommt es, wie es kommen muss: Nach mehr oder weniger lange sich hinziehendem Anfangsflow wird man spätestens alle fünf Jahre überlegen, wie man denn nun weiter leben will. Diese rezidivierenden Episoden, die keineswegs zur Störung werden müssen, werden nach unseren Beobachtungen im Allgemeinen durch stets neue Weiterbildungen oder durch Hausbau oder auch durch Scheidung immer wieder aufgefangen. Das System trägt sich inzwischen durch sich selbst. Erwachsene Kinder: Nur noch ganz gelegentlich wird auch einmal die Zeugung
eines Kindes als Ausweg gewählt, was ja keineswegs mit unseren Thesen
in Widerspruch steht. Auf das Eltern-Sein ist man als Psychotherapeut
professionell vorbereitet, und was unsere Kinder angeht, werden einige
sicherlich gute Therapeuten, weil wir sie angesichts zunehmend
abflachender Helferemotionen nunmehr für viele notwendige Ausreden
unsererseits dringend benötigen. So viel Gehen ist einerseits zwar ein Vergehen, wie es andererseits eben auch keines ist. Anonymus
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