|
23. Jahrgang - Heft 3/2002
Befragungen zur Seele. Erster Teil. Heute antwortet uns
ein Klinikchef:
Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Waren das
noch schöne Zeiten, als wir Chefs der Psychosomatischen Kliniken mit
langen Wartelisten von Patienten prahlten und es uns gut gehen ließen.
Man musste Aufgaben suchen, um ausgelastet zu sein: Gutachtenerstellung
für Sozialgerichte, Veröffentlichungen, ambulante Therapien. Und die
langen Wartelisten stellten die Anerkennung der persönlichen
Fähigkeiten dar.
Heute besteht die Hauptaufgabe aus dem Korrigieren von
Entlassungsberichten. Die Konkurrenz der Kliniken untereinander ist
enorm. Man muss nur im Internet schauen, wie schamlos andere sich
herausstellen. Dabei weiß man doch, wie es so läuft.
Schuld an dieser Misere sind letztlich die Patienten. Nicht alle, aber
die zunehmende Zahl derer, die unbedingt in Rente wollen. Die behaupten
dann nach der Kur, die eine oder andere Beschwerde sei gar nicht
behandelt worden, oder zu wenig, oder erfolglos, so dass es ihnen am
Ende schlechter gegangen sei als davor. Und dann klagen sie die Rente
ein.
Ihretwegen sitze ich jeden Tag stundenlang über den Akten. Die
Entlassungsberichte müssen heute wasserdicht und stichfest sein wie
Gutachten. Und trotzdem steigt die Zahl der Renten aus dem
psychosomatischen Bereich beständig, und keiner weiß, warum. Schon
gut, dass wir Ärzte einen eigenen Rententopf haben, sonst müssten wir
noch befürchten, dass unsere Altersapanage von Rentenneurotikern
aufgebraucht wird.
Natürlich entwickelt man so seine Tricks, um zu überleben.
Arbeitsunfähig angereiste Patienten werden arbeitsunfähig entlassen,
es sei denn, sie wollen bei uns partout gesund abschließen. Das kommt
glücklicherweise selten vor, ist aber ein Beleg dafür, dass es alles
gibt, was man sich so denken kann.
Nach der Vergleichsstatistik unter den Kliniken können wir so für etwa
fünf Prozent der Patienten eine Rentenempfehlung aussprechen, ohne dass
wir groß auffallen. Da gilt es diejenigen sorgsam auszuwählen, die zu
jenem unangenehmen Nachtreten neigen könnten. Ich könnte noch manch
andere Ratschläge geben ...
Das einzig Erfreuliche in letzter Zeit sind meine Gespräche mit den
Schwestern. Trotz der totalen Inanspruchnahme durch die Arbeit mit den
Entlassungsberichten erfährt man von ihnen ganz schnell alles: über
die Mitarbeiter, über die Grundstimmung in der Klinik, über das, was
läuft oder besser laufen müsste.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut diese Persönlichkeiten denken
können. Deshalb setzen wir die Schwestern zunehmend auch für
Patientengespräche ein. Was die dann anschließend mit einfachen Worten
berichten, entspricht genau dem, was unsere Wissenschaft hinter
hochkomplexen Begrifflichkeiten zu verstecken versucht. Deshalb schulen
wir die Schwestern nicht, weil wir fürchten müssen, sie könnten ihre
intuitive Begabung verlieren.
Ja, ja, die Zeiten ändern sich. Gestern habe ich schon
wieder einen Patienten mit den Worten verabschiedet: "Bleiben Sie,
wie Sie sind, Sie sind ganz in Ordnung!" Schon daran lässt sich
erkennen, wie auch ich mich geändert habe. Auch daran, dass ich
manchmal die Patienten beneide.
Anonymus

"Hast Du das schon gelesen? Jetzt empfehlen die
Verhaltenstherapeuten bereits die direkte Beratung und Supervision ihrer
Patienten. Toll, nicht wahr!?"
"Was heißt hier: Toll? Du hast wohl schon jenen Satz vergessen,
der uns in unserer Therapieausbildung als einer der wichtigsten
Leitsätze therapeutischen Handelns mit auf den Weg gegeben wurde:
Ratschläge sind Schläge!"
"Ratschläge sind Totschläge, habe ich sogar gelernt. So ein
Schwachsinn...!"
"Schwachsinn? Wieso?"
"Ja, denk’ doch ’mal nach! Der hirnrissige Ratschlag, Patienten
in der Therapie keine Ratschläge zu geben, ist doch durch sich selbst
der schlagendste Beweise für die tiefgreifende Wirkung, die Ratschläge
entfalten können. Wir haben uns viele Jahre lang strikt an diesen
Anti-Ratschlag gehalten, und Du hältst Dich offensichtlich immer noch
dran."
"Natürlich. Patienten sollen sich möglichst selbst entfalten und
nicht blind den Ratschlägen ihrer Therapeuten folgen. Das behindert die
Autonomieentwicklung."
"Ach so: Nur wir Therapeuten sollen uns nicht entfalten und
möglichst blind und völlig unkritisch den Ratschlägen unserer
Ausbilder Folge leisten. Meinst Du das? Oder bist Du sogar der Ansicht,
dass Patienten weniger widerständige Menschen sind als ihre
Therapeuten? Das erlebe ich anders!"
"Die Widerstände unserer Patienten sind doch der wichtigste Beleg
für die Angemessenheit, keine Ratschläge zu geben. Mit jedem Ratschlag
wird nämlich die Häufigkeit des Auftretens von Widerständen
künstlich erhöht. Quasi ein Kunstfehler, weil wir kaum mehr die echten
von den unechten Widerständen unterscheiden können."
"Dein aktueller Widerstand gegen Ratschläge ist also unechter
Widerstand?"
"Ja, weil völlig autonom vertreten, wie Du merken kannst."
"Völlig dependet, meinst Du wohl. Und das von nur einem einzigen
Ratschlag, nämlich keine Ratschläge zu geben!"
"Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Wofür bin ich denn jetzt ein
Beispiel: Für die Sinnhaftigkeit oder Unsinnigkeit von
Ratschlägen?"
"Für die Effektivität von Ratschlägen, mein Lieber, für die
Effektivität! Dass Du gelegentlich unsinnigen Ratschlägen Folge
leistest, hast Du schlicht selbst zu verantworten. Das unterscheidet
Dich übrigens nicht von Patienten."
Anonymus
   
PABST SCIENCE
PUBLISHERS
Lengerich, Berlin, Bremen, Riga, Rom, Viernheim, Wien, Zagreb |
|
|