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23. Jahrgang - Heft 2/2002
Es tut schon weh zu sehen, wie die eigenen Kinder so ganz anders denken, als man es ihnen wünschen möchte. So zum Beispiel meine Tochter. Statt WiSo zu studieren und jetzt meine Firma zu leiten, hatte sie sich entschieden, Psychologie zu studieren, hat sich ein Kind andrehen lassen, steht mit ihren dreißig Jahren noch in Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin und hat immer noch keinen Frieden geschlossen mit meinem Status als Arbeitgeber. Über die schwierigen Themen können wir uns nicht verständigen und meiden sie. Sie, weil sie ganz gern ’mal einen Urlaubszuschuss von mir akzeptiert, ich, weil ich mein Enkelkind gern weiterhin sehen will. Man soll da nichts beschönigen: Sie ist der Enkelgeber, ich bin der Enkelnehmer ... Gegen meinen Status als Arbeitgeber jedoch ist sie als Arbeitnehmer irgendwie allergisch, obwohl ich oft versucht habe, ihr meine soziale Denkweise nahe zu bringen. Ist es denn nicht richtig, die 57jährigen zu entlassen? Was kann denen denn passieren? 32 Monate Arbeitslosengeld und dann mit 60 in die Rente. Die ist zwar dann gemindert, dafür müssen sie aber ab 57 nicht mehr arbeiten. Und wenn sie etwas clever sind, können sie den Abschlag um 18 Monate Krankengeld mindern ... Wäre es denn sozialer, einen 52jährigen in die Arbeitslosigkeit zu schicken? Sie jedoch will es einfach nicht einsehen. Dabei verschaffe ich ihr auch noch Klienten, mit denen sie es einfach hat. Dann die Sache mit den Lohnnebenkosten. Da sagt sie mir doch glatt immer wieder die selbe Litanei auf: Wenn der Arbeitgeber die Lohnnebenkosten nicht übernähme, wäre der Arbeitnehmer gezwungen alleine vorzusorgen und hätte dann weniger Geld für den Konsum zur Verfügung. Ähnlich der Rentner mit geminderter Rente. Weniger Konsum bedeute weniger Produktion, bedeute mehr Arbeitslosigkeit usw. Wenn ich ihr dann sage: "Mehr Arbeitslose bedeuten für mich weniger Krankentage der Angestellten, weniger Kuren, mehr Motivation (gemessen in freiwilligen Überstunden und Produktivität)," dann komme ich gar nicht mehr dazu, noch anzuhängen: "bedeuten mehr Urlaubszuschuss," weil dann der Krach schon längst da ist und sie mich aussperrt als Enkelnehmer. Ein absolut irrationales und weibisches Verhalten, um
nicht zu sagen: naives Agieren. Und unsozial dazu. Das einzig Gute ist,
dass sie, die immer so blass im Gesicht, dann ’mal gut durchblutet
ist, wenn sie sich aufregt. Sie steht einfach unkritisch auf Seiten der
"Klienten". Als hätte sie dafür studieren müssen. Neulich
habe ich einen Kollegen von ihr kennen gelernt, der schien genau so
naiv. Immerhin hat der auf mein Mercedes Coupé geschielt. Aber an meinem Enkelkind kann ich mich mit ganzem Herzen erfreuen. Apropos: Ich glaube, aus dem kann mal ein richtiger Unternehmer werden. Der kann sich gegen seine Mutter durchsetzen, dass es eine reine Freude ist. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er ganz auf Seiten von Opa steht. Der hat was von Opas Art, da muss selbst sie als Enkelgeberin manchmal in hilfloser Bewunderung lächeln. Eine Bewunderung, die indirekt ja dann auch mir gilt. Oder? Das erkenne ich, auch ohne Psychologie studiert zu haben. Aber so was würde ich ihr ja nie sagen. Das wäre ja so, als würde ich fragen, warum ihre Ehe nur zwei Jahre gehalten hat, während ihre Eltern seit 30 Jahren glücklich verheiratet sind. Manche Äußerungen kann man sich als Enkelnehmer eben einfach nicht leisten. Anonymus
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