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23. Jahrgang - Heft 1 - 2002

Josef, Priester, katholisch, Jugendfreund von Hans,
meinem Mann, kommt gern zu Besuch. So alle paar Wochen schaut er bei uns
vorbei, zumeist mittwochs nachmittags, wenn Hans seine Praxis
gewöhnlich geschlossen hat.
Ist Hans selbst nicht zu Hause, findet mich Josef bei der Ausarbeitung
von Therapieanträgen. Er nimmt gern mit mir vorlieb. Er verwickelt mich
dann in Diskussionen zu immer ähnlichen Themen.
Ich betrachte das Ganze inzwischen, schon um mir selbst den Spaß nicht
ganz zu verderben, als hypofrequente Therapie seinerseits. Dies auch
deshalb, weil mir seine Haltung ein wenig zu kompromisslos für unsere
Zeit daherkommt – wie bei manchen unserer Patienten halt. Seine Themen
neigen zu einer gewissen Zuspitzung uns Psychotherapeuten gegenüber, in
der sich ganz fraglos Neid über verlorenes Kirchenterrain
widerspiegelt:
"Ihr modernen Seelenpriester seid zwar meist nicht gegen Religion.
Aber: Euch ist der Glaube wie der Unglaube Eurer Patienten eher
gleichgültig. Und dies, obwohl Ihr wisst, dass ‚Halt im Glauben’
ein hervorragender Bewältigungsmechanismus ist.
Noch schlimmer ist: Ihr überlasst dieses wichtige Thema den
Psychosekten und müht Euch unsinnigerweise ab, völlig andere
Copingstrategien zu installieren – dies insbesondere dort, wo es
eigentlich um Lebensphilosophie oder um Religion gehen sollte."
Gelegentlich wird er an dieser Stelle sogar persönlich eindringlich,
indem er mich zum Beispiel bohrend fragt:
"Hast Du überhaupt ein Menschenbild, das für Deine
psychotherapeutische Arbeit gilt? Ihr kommt doch wohl mit jeder
Weltanschauung zurecht. Wie verträgt sich das eigentlich mit euren
Ansprüchen an ‚Kongruenz’ und ‚Echtheit’? Insbesondere Ihr
Verhaltenstherapeuten frönt doch fast ausschließlich einer
Situationsethik und einer sich daraus konsequent herleitbaren
Individualmoral, geschickt verschanzt hinter Reiz- und
Konsequenzargumenten. Euer therapeutisch motiviertes akzeptierendes
Verständnis für die schicksalhafte Gewordenheit eines Problems ist
schier grenzenlos."
Und wenn er so richtig in Fahrt kommt, komme ich kaum mehr zur
Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte, obwohl ihn dies gelegentlich
zu neuen Einsichten führt, die auch mir wieder akzeptierbar erscheinen
– dies aber wirklich nur sehr selten. Vielmehr drängt es zumeist
hemmungslos aus ihm heraus, wenn er so richtig in Gang gekommen ist. So
stelle ich ihn mir dann immer sonntags auf seiner Kanzel vor:
"Zeigst Du dem Ehebrecher ebenso zustimmendes Verständnis wie der
Betrogenen? Und verhältst Du Dich ihnen gegenüber im Paargespräch
tatsächlich neutral?
Erkenne doch: Mit diesem therapeutischen Pragmatismus, der auf Parties
ja noch jugendlich und modern wirken mag, fallt Ihr Therapeuten
inzwischen auch in allen möglichen Fernsehdiskussionen hinten
runter."
Und schließlich bricht dann der Neid über ein der Kirche verloren
gegangenes Klientel endgültig durch:
"Ihr seid der neue Heilertyp, den eine chamäleonartige Echtheit
auszeichnet, so dass sich Opfer und Täter in gleicher Weise bei Euch
aufgehoben fühlen. Jedoch: Wann hast Du jemals oder wann zuletzt eine
Wertekorrektur bei einem Patienten vorgenommen? Wann mit ihm wirklich
ernsthaft Glaubensfragen diskutiert? Wann ihm sein Therapieziel
abgelehnt? Oder wann ihm das schlechte Gewissen nicht ausgeredet?
Wann?"
So etwa lassen sich die bisherigen Themen grob zusammenfassen...

Heute hat Josef, unser priesterlicher Freund, wieder einmal bei uns
vorbeigeschaut und schickt sich gerade an, den Kanon seiner Ansichten
über den Therapeutenberuf weiter zu bereichern.
Sein Blick ruht auf einem meiner ausgedruckten Therapieanträge:
Depressiv-ängstlicher Patient, 55 Jahre alt... Ich lasse ihn gewähren.
"Sag mir, meine Liebe," und wie immer vermeidet er, wenn wir
allein sind, meinen Vornamen Eva ...
"Sag mir, meine Liebe, so ein Patient hat doch – wie alle ab 50,
55 oder 60 – eigentlich Angst vor dem Sterben, vor dem Tod, vor dem
Soloauftritt. Redest Du mit ihm darüber, oder machst Du mit ihm etwa
nur ein Angstbewältigungstraining?"
Ich schweige erst einmal. Nach aller Erfahrung würde er seinen Gedanken
sicherlich gern noch ausbauen wollen, dazu nimmt er sich immer etwas
Zeit. Und dann folgt zumeist noch die schon benannte Zuspitzung, das
Auf-den-Punkt-bringen-und-Festnageln. Er ist halt Scholastiker.
Es ist ihm wichtig, dass ich die Dimensionen seiner Gedanken erkenne.
Und da geziemt es sich nicht, die fertigen Antworten zu schnell
mitzuteilen, auch nicht in ermunternder Absicht mittels vorausschauender
Empathie.
Diesmal kommt er leider nicht mehr dazu, sich im Sinne vertiefender
Einlassungen auszulassen. In die kurze Stille hinein, die sich zwischen
uns ausbreitet, hören wir beide, wie Hans vorfährt. Er hupt vor
Freude, als er Josefs Wagen sieht.
Ich überlasse beiden gern den Nachmittag. Sie reden über anderes.
Manchmal höre ich ihr jungenhaftes Lachen bis in mein Arbeitszimmer...
Anonymus
   
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