22. Jahrgang - Heft 4 - 2001

Vorwort
M. Linden


Der Begriff "soziales Netz" beschreibt die vielfältigen zwischenmenschlichen Bezüge eines Menschen, sei es in der Primärfamilie, im Beruf, in der Freizeit oder der Öffentlichkeit. Soziales Netz weckt Assoziationen von Sicherheit und aufgefangen werden, wenn man abstürzt. Es kann jedoch auch Bilder hervorrufen von Spinnennetz oder gefangen sein. Diese janusköpfige Assoziation fasst in einfacher Weise die Chancen und Probleme zusammen, die sich stellen, wenn es um die Einbeziehung oder Berücksichtigung von Partnern oder Kollegen in der Therapie eines Patienten geht.

Wissenschaftliche Untersuchungen zum sozialen Netz und zur sozialen Therapie sind in der Vergangenheit bevorzugt mit Blick auf solche Erkrankungen durchgeführt worden, die ihrer Natur nach in besonderer Weise auf Hilfe von außen angewiesen sind, wie z.B. schizophrene oder demente Patienten. Für sie wurden in der Sozialpsychiatrie mit den sog. komplementären Einrichtungen auch vielfältige Versorgungsinstitutionen geschaffen, deren Merkmal ist, dass sie den Patienten gestuft in sein soziales Umfeld eingliedern oder ihn auch herausnehmen, das soziale Netz selbst therapeutisch stützen und zum Teil auch eigene therapeutisch geplante neue soziale Netze schaffen.

In der Behandlung anderer psychischer Störungen, wie z.B. Angsterkrankungen, spielen solche Versorgungssysteme bislang nur eine geringe Rolle. Aus fachlicher Sicht spielt auch bei diesen Erkrankungen das soziale Netz eine wichtige hilfreiche oder schädigende Rolle. Angstpatienten können durch Partner Unterstützung erfahren oder Verstärkung ihres Vermeideverhaltens und damit einen Beitrag zur Chronifizierung. Das häusliche Umfeld kann Sicherheit und Ermunterung oder aber auch Überforerung und Belastung bedeuten. Von daher ist zu begrüßen, dass auch für solche Patienten zunehmend ein System flexibler und gestufter Versorgung geschaffen wird, das je nach Notwendigkeit des Einzelfalls ambulante Einzeltherapie, Paar- und Familientherapie, Tageskliniken und vollstationäre Einrichtungen integriert.

Im vorliegenden Heft werden Arbeiten zusammengefasst, die von grundlagenwissenschaftlichen Untersuchungen bis hin zur Darstellung institutioneller Versorgungsformen einen Einblick in moderne Entwicklungen zum Thema psychische Störungen und soziales Netz geben. Die Beiträge sind Ergebnis eines Symposiums zu diesem Thema an der BfA-Klinik Seehof, Teltow/Berlin.



PABST SCIENCE PUBLISHERS
Lengerich, Berlin, Riga, Rom, Wien, Zagreb
Verlagslogo