|
22. Jahrgang - Heft 4 - 2001

Eines der großen Verdienste der Ära Kohl ist und bleibt die
erfolgreiche Angsttherapie der Aktienphobie des Deutschen Volkes!
Gewiss, im Einzelfall gilt es für uns Psychotherapeuten nachzuarbeiten.
Aber wir sollten nicht beckmessern. Insgesamt handelt es sich um ein
großes Werk.
Zum einen werden Entlassungen weniger bejammert und als notwendig für
das Ansteigen der Aktienkurse der betreffenden Firmen angesehen. Zum
anderen hat sich mit der Zerschlagung unzeitgemäßer Strukturen des
Sicherheits- und Bequemlichkeitsdenkens, also mit der Durchsetzung des
Prinzips der kontinuierlichen Veränderung, auch eine psychische
Strukturveränderung beim Einzelnen ergeben. Weshalb man übrigens
diesen Prozess nicht vorschnell als Neokapitalismus oder
Solidaritätsverlust etikettieren sollte.
Der eigentliche Gewinn besteht jedoch darin, dem Einzelnen (letztlich
dem Volk) die Angst vor Verantwortung genommen zu haben.
Risikobereitschaft gilt wieder etwas. Der Einzelne ist bereit, sein
Kapital einzusetzen und zu verlieren. Man ist endlich wieder bereit,
selbst Schuld zu sein, wenn man die falsche Aktie gekauft hat und am
Ende ohne Geld dasteht. Ein altes Trauma ist überwunden. Selbst die
Dauerverluste bei Lotto und Klassenlotterie gibt es inzwischen im Abo.
Wie jeder Verkehr kennt eben auch der Geldverkehr jene Risiken, für die
man keinen anderen als sich selbst verantwortlich machen kann.

Welche Konsequenzen haben nun diese erfreulichen gesellschaftlichen
Veränderungen für die Psychotherapie? Vorab gesagt: Es wird alles ein
wenig einfacher. Es ist nicht mehr notwendig, Mama und Papa für das
eigene Elend verantwortlich zu machen – was ja auch immer peinlicher
wurde. Nein, jetzt geht es um das Selbstverschulden auf
bewusstseinsnaher Ebene, vielleicht von jenen wenigen Fällen abgesehen,
bei denen es sich um ein über Generationen tradiertes Scheitern
handelt.
Selbstverschuldete Traumen sind relativ leicht zu behandeln. Im
stationären Rahmen führen wir zunehmend Überlebenstrainings durch:
Der Aufzug bleibt nach Zufallsprinzip stecken oder sackt gelegentlich ab
– wie Flugzeuge in Luftlöchern. Überall sind Kameras installiert
(was, dank Big Brother, gern akzeptiert wird), so dass wir Patienten
durch überraschende Kommentare erschrecken können.
Des Weiteren erzielen wir erkleckliche Einnahmen durch Wettspiele, bei
denen die Patienten das Verlieren üben. Während der Essenszeiten
werden Horrormeldungen von der Börse durchgegeben ...
Ich könnte noch fortfahren in der Aufzählung dieser Persönlichkeit
bildenden und gegen Stress immunisierenden Techniken, denke aber, das
Prinzip ist klar geworden. Wir sollten nicht zu viel verraten. Etwas
Überraschung soll ja auch bleiben.
Nur, dass wir Therapeuten manche Patienten inzwischen vor
Überdosierungen schützen müssen – so hoch ist bei vielen die
Risikobereitschaft bereits gediehen. Doch Flooding ist nicht in jedem
Fall indiziert. Da sind wir Fachleute gefordert, eine sinnvolle
Indikation zu stellen.
Apropos Fachleute: Natürlich stehen meine Kollegen und ich in einer
ständigen Überlebenssituation. Mal gilt es, eine Abmahnung abzuwehren.
Mal erhält man auch die dritte Fassung des Entlassungsberichtes zur
Neukonzipierung zurück, und so weiter und so fort ...
Ich selbst habe mir gründliche Kenntnisse über Schimpansenhorden
zugelegt und die komplette Video-Sammlung von Denver und Dallas. Damit
komme ich leidlich über die Runden, manchmal macht es sogar Spaß.
Beim Verlassen der Klinik sind immerhin 70 Prozent der Patienten der
Überzeugung, dass sie in der freien Wildbahn nichts mehr umwerfen wird.
Ich habe bisher bei keinem anderen Konzept bessere Werte erlebt. Es
kommt eben doch darauf an, was hinten rauskommt!
Anonymus

  
PABST SCIENCE PUBLISHERS
Lengerich, Berlin, Riga, Rom, Wien, Zagreb |
|
|