22. Jahrgang - Heft 4 - 2001

Die Bedeutung der stationären Psychotherapie bei psychosomatischen Erkrankungen
Hans Henning Studt
Freie Universität Berlin


- Seite 7/8 -

Der direkte Übergang von der vollstationären in die ambulante Psychotherapie wäre nicht nur für die Gruppenpsychotherapie, sondern auch für die Einzelbehandlung und die sogenannten nonverbalen Verfahren, wie Konzentrative Bewegungs- und Gestaltungstherapie u.a. möglich, wenn für die zuletzt genannten Verfahren genügend ambulante Behandlungsplätze zur Verfügung ständen.

Die ideale Vorstellung, dass die stationär-ambulante Gruppentherapie jeweils durch denselben Therapeuten durchgeführt wird, könnte sicher auch in großen Kliniken nur teilweise geleistet werden. So ist bei der meist geringen Anzahl von Kliniktherapeuten beim Übergang in die ambulante Behandlungsphase ein Wechsel des Psychotherapeuten meist unumgänglich, erst recht, wenn das Verfahren in Einzelform angewendet wird.

Daraus entsteht die Notwendigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, das die Abteilungen und Kliniken und ihre Therapeuten mit den Praxen der niedergelassenen Psychotherapeuten verbindet (Ruff 2000; Schürmann 2000). In den Praxen müssten alle bewährten Verfahren der Richtlinien-Psychotherapie auch als Gruppen-, Paar- und Familientherapie, vorgehalten werden, immer mehr auch die in der Klinik bewährten nonverbalen Methoden, deren Wirksamkeit für die Anerkennung innerhalb der Richtlinien-Psychotherapie weiterhin erforscht werden müsste.

Nach der für psychosomatische Patienten in Zukunft wahrscheinlich viel zu kurzen stationären Behandlung müsste die Indikation für eine erste ambulante Phase nach den diagnostischen und psychodynamischen Erkenntnissen gestellt werden: Soll der Schwerpunkt der Therapie weiterhin tiefenpsychologisch oder besser verhaltenstherapeutisch oder umgekehrt sein? Ist zunächst nur eine Einzeltherapie angezeigt, oder auch eine Kombination mit einem oder auch zwei nonverbalen Methoden? Oder scheint gleich eine kombinierte Einzel- und Gruppenpsychotherapie die individuell optimale Behandlung zu sein? Oder ist für die jugendliche Anorexie-Patientin die Einzeltherapie durch eine Familientherapie zu erweitern?

Es wird von der Art des Krankheitsbildes und dem Stand des psychodynamischen Prozesses abhängen, wann diese erste ambulante Phase durch einen zweiten stationären Aufenthalt im Sinne der Intervalltherapie beendet werden sollte. Dann kämen wieder alle Vorzüge der stationären Psychotherapie zum Tragen.

Es käme auf den Verlauf an, ob diese zweite stationäre Phase nach 3, 6 oder 9 Monaten oder bei einer Krise auch früher erfolgen sollte oder müsste.

Bei psychosomatischen Krankheiten im engeren Sinne wäre auch eine längere stationäre Behandlung in der Medizinischen Klinik bei gleichzeitiger Psychotherapie durch die Psychosomatische Abteilung denkbar.

Im Einzelfall sind so unterschiedlich viele Wechsel zwischen stationären und ambulanten Phasen möglich, bis die Behandlung ambulant beendet werden kann.

Die in der Klinik und in den Praxen tätigen Psychotherapeuten müssten allmählich zu einem „Netz-Team“ zusammenwachsen, müssten sich allmählich als interne und externe Teammitglieder fühlen und verstehen lernen.

Diese Entwicklung wäre wahrscheinlich durch einen regelmäßigen und intensiven Gedankenaustausch zu erzielen, indem die Therapeuten sich in Fallkonferenzen treffen; diese böten zugleich vielfältige Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung.

Aber nicht nur ein „Team-Netz“ wäre wünschenswert, sondern auch ein „Klinik-Patienten-Netz“ in dem Sinne, dass sich die Patienten in der Klinik regelmäßig treffen können, solange sie die positive Übertragung auf die Klinik brauchen und aus Gesprächen von Mit-Patienten Nutzen ziehen können.

Diese Gedanken zur Entwicklung eines „stationär-ambulanten Netzwerks“ stoßen gegen manche Grenzen, die in der Richtlinien-Psychotherapie errichtet worden sind, und weisen auf die ungenügende Verbreitung der in der Klinik so bewährten nonverbalen Psychotherapiemethoden hin.

Bei der künftigen Abrechnung nach diagnosebezogenen Fallpauschalen ist es geboten, nach Alternativen für die bisherige Form und Dauer der stationären Psychotherapie zu suchen – eine Alternative könnte das „stationär-ambulante Netzwerk“ sein.


Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. med. Hans H. Studt
Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie
Universitäts-Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin
Hindenburgdamm 30
D-12200 Berlin



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