22. Jahrgang - Heft 4 - 2001

Die Bedeutung der stationären Psychotherapie bei psychosomatischen Erkrankungen
Hans Henning Studt
Freie Universität Berlin


- Seite 2/8 -

Einführung

Die stationäre Psychotherapie hat sich nach einer langen Zeit der Theorie- und Konzeptentwicklung zu einer eigenständigen Behandlungsform entwickelt (Janssen 1987; Becker u. Senf 1988; Schepank u. Tress 1988; Ruff u. Leikert 1995), deren Effektivität wissenschaftlich belegt ist (Kordy u. Senf 1985; Riehl 1985; Deter et al. 1989; Bräutigam et al. 1999; Rudolf 1991; Strauß u. Burgmeier-Lohse 1994; Junge u. Ahrens 1996; Studt et al. 1996; Paar u. Kriebel 1998,v. Rad et al. 1998).

Der Gesetzgeber strebt jedoch wegen der stark gestiegenen Krankenhauskosten eine Reform der stationären Versorgung an, so dass die Frage entsteht: Welcher therapeutische Aufwand und welche Dauer (in Behandlungstagen) von stationärer Psychotherapie wird für die einzelnen Patienten für minimal erforderlich gehalten, um einen im Sinne der RVO „ausreichenden“ Erfolg zu gewährleisten (Bassler u. Hoffmann 1994)? Noch drängender ist die Frage: Welche Konsequenzen hat die Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen bzw. DRGs im III. Quartal 2002 für die stationäre Psychotherapie? Droht ein Aus für diese bewährte Methode?

Daraus resultieren Überlegungen, ob es möglich ist, die stationäre Psychotherapie durch Veränderungen und Erweiterungen des Behandlungsrahmens in ihrer Effektivität zu erhalten.

So möchte ich kurz die stationäre Psychotherapie, ihre Effektivität für die Gesundung der Patienten und die Einsparung an Kosten im Gesundheitswesen skizzieren und dann denkbare Modifikationen der stationären Psychotherapie entwickeln.


Entwicklung und Stand der stationären Psychotherapie

Die stationäre psychoanalytische bzw. tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie beruht auf verschiedenen Elementen, die in den Kliniken in wechselndem Ausmaß zum Tragen kommen (Janssen et al. 1998) - die Konzepte der therapeutischen Gemeinschaft, der Bipolarität und die sogenannten integrativen Konzepte:

Das Konzept der „therapeutischen Gemeinschaft“ von Main (1946) hat das Ziel, den neurotischen Menschen auf soziale Erfordernisse in realen Beziehungen hinzulenken und so zunehmend eine Ich-Stärkung zu erreichen.

Das von Enke (1965) entwickelte Konzept der Bipolarität geht von einer Aufteilung des therapeutischen Raumes in einen Therapieraum und einen Realraum aus: Nur im Therapieraum soll mit der Übertragung gearbeitet werden, während sich im Realitätsraum das Personal realitätsorientiert verhalten soll (Hau 1968).

Aus diesen Konzepten entwickelte sich insbesondere die Gruppenpsychotherapie als konstitutives Element der stationären Psychotherapie (Jansen et al. 1998).

Die Entwicklung mündete schließ­lich in die sogenannten integrativen Konzepte, mit denen versucht wird, das multipersonale Beziehungsfeld in der Gruppensituation in der Klinik als Netzwerk von therapeutischen Beziehungen zu verstehen, in denen dispergierende bzw. multilaterale Übertragungen im therapeutischen Rahmen sichtbar gemacht werden können (Arfsten u. Hoffmann 1978; Möhlen und Heising 1980; Ermann et al. 1981; Janssen 1987; Schneider u. Senf 1998), womit der Realraum des Konzepts der Bipolarität auch zum Therapieraum wird. Diese integrativen Modelle wollen also möglichst vollständig die sich im multipersonalen Beziehungsfeld entwickelnden Beziehungsmuster und die darin enthaltenen infantilen Objektbeziehungsanteile bzw. Übertragungsanteile erfassen.

Neuere Entwicklungen betonen bestimmte Aspekte der psychotherapeutischen Technik und sind besonderen Krankheitsformen gewidmet, so die konflikt- und lösungsorientierte stationäre psychoanalytische Psychotherapie (Schmid-Ott et al. 1998), die stationäre verhaltens­therapeutisch - psychodynamische Kombinationsbehandlung (Hoffmann et al. 1998; Nickel et al. 1999; Petrak et al. 1999), die stationäre Psychotherapie psychoanalytisch-systemischer Orientierung (Fürste­nau 1998) und störungsspezifische Konzepte für bestimmte Patientengruppen, beispielsweise für Essstörungen, Angst- und Borderline-Störungen (Janssen et al. 1998).

Stationäre Psychotherapie ist nach Schepank (1988) „die im Einvernehmen geplante Anwendung verschiedenartiger umschriebener psychologischer Interventionstechniken in einem hierfür in besonderer Weise organisierten Krankenhaussetting zwecks intensiver Behandlung einer überwiegend psychogenen Erkrankung mit dem Ziel von Besserung und Heilung“ (S. 13-14).

Diese Tätigkeiten werden von einem Team geleistet, das ein multimodales und multiprofessionelles Therapieangebot vorhält. Seine Aufgaben sind nach Janssen (1987):

  • Gestaltung und Aufrechterhaltung der Rahmenbedingungen, wie Haltgeben und Grenzensetzen,

  • Förderung der therapeutischen Arbeitsbeziehung und der Realitätsbeziehung während des therapeutischen Prozesses und

  • Förderung der mütterlich-haltenden Beziehungen in Phasen der Regression mit primitiven Übertragungen und Prozessen der Ich-Dekompensation.



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