| VERHALTENSTHERAPIE &
VERHALTENSMEDIZIN 22. Jahrgang / Heft 3 - 2001

Frau
H. kam pünktlich zu einem ersten Gespräch. Sie hatte ihren
dreijährigen Sohn Paul gleich mitgebracht. Mutter und Kind
setzten sich je auf einen Stuhl. Paul, sehr blaß, dunkle
Ringe unter den Augen, einen Nuckel im Mund, schaute mich prüfend,
aber etwas ängstlich an. Die Mutter, eine hübsche und
besonders im Kontakt sympathisch wirkende Frau.
Sie komme auf Drängen der Kindertagesstätte. Paul haue die
anderen Kinder, so dass sie ihn schon von einigen
Unternehmungen ausschließen mussten. Paul sei inzwischen
schon ein regelrechter Sündenbock.
Während ich meine Gedanken für das Gespräch ordne, greift
Paul – mit einem Blick zu mir, den ich als fragend
interpretiere – langsam nach meinem Kugelschreiber. Ich
erlaube ihm die Benutzung und reiche ihm auch noch Buntstifte
und Papier. Paul lacht, greift rasch zu und fängt an zu
malen.
Fr. H. berichtet, dass Paul immer schon ein lebhaftes Kind
gewesen sei. Schon als Säugling. Sie habe das Kind gewollt,
nicht jedoch den Vater. Der wollte nur Sex, weshalb sie sich
rasch getrennt habe. Wegen der Berufstätigkeit habe sie wenig
Zeit für den Sohn. Sie müsse ihn von der Kindertagesstätte
abholen, schnell einkaufen gehen, Essen machen und andere
Aufgaben des Haushalts erledigen.
Paul habe sehr viel Spielsachen. Sie gebe zu, vielleicht zu
viele. Statt in seinem Zimmer zu spielen und die Spielsachen
wieder ordentlich wegzulegen, schleppe er alles Mögliche ins
Wohnzimmer und in die Küche, je nachdem, wo sie sich gerade
aufhalte. Das störe ungemein die Arbeitsabläufe. Manchmal
schlage er mit Bauklötzen gegen Möbel. Ihr komme es so vor,
als wolle er damit nur ihre Aufmerksamkeit erregen. Überhaupt
scheine er sie ärgern zu wollen.
Neulich sei sie nur seinetwegen mit ihm in den ZOO gegangen.
Als sie dort am Spielplatz vorbei gekommen seien, habe er von
dort gar nicht weg gewollt. Es habe ein fürchterliches
Geschrei gegeben. Um auf dem Spielplatz zu spielen, hätten
sie doch nicht in den ZOO gehen müssen, oder? Das müsse er
doch wissen.
Morgens wolle er sich nicht anziehen und in den Kindergarten
gehen. Dabei wisse er ganz genau, dass sie arbeiten gehen und
pünktlich sein müsse. Nur mit Gewalt könne sie ihn
anziehen, und es gäbe ein fürchterliches Geschrei.
Woher also die Entlastung nehmen? Der Vater fällt flach. Die
Großeltern väterlicherseits sind nicht in der Nähe. Die Großmutter
mütterlicherseits habe kein Interesse. Ihren eigenen Vater
hat Fr. H. nicht kennengelernt, so dass auch kein Großvater mütterlicherseits
einspringen kann. Auch die beste Freundin akzeptiere ihren
Sohn nicht. Sie reagiere „allergisch“. Andere Freundinnen
hätten selbst Kinder. Und die Vorstellung, mit mehreren
Kindern zusammen sein zu müssen, sei ganz fürchterlich.
Einen Babysitter könne sie wohl bezahlen, vertraue aber
fremden Menschen nicht, unmöglich.
Schade,
nichts scheint zu gehen!
Inzwischen
hat Paul aufgehört, zu malen, und fängt an, das
Beratungszimmer zu explorieren. Er nimmt eine Beziehung zu mir
auf, lacht mich gelegentlich an. Ich ermuntere ihn, dieses und
jenes anzufassen. Einmal muss ich eine Aktion unterbinden, was
er ohne Weiteres akzeptiert. Über weite Strecken des Gespräches
beschäftigt sich das Kind sehr phantasievoll.
Dies alles registriert auch die Mutter mit Verwunderung. Bei
Gesprächen mit der Freundin würde er sie immer nur stören.
Ich frage, worüber sie mit der Freundin spreche? Über alles
Mögliche... Ob sie merke, was bei unserem Gespräch anders
sei? Nein, außer dass wir jetzt nur über ihn sprächen.
Ich: „Ja, Ihre vorhin geäußerte Vermutung, Paul wolle Ihre
Aufmerksamkeit, kann stimmen. Jetzt steht er die ganze Zeit im
Mittelpunkt unseres Gespräches. Nun scheint er zufrieden zu
sein.“
Es ist klar: Frau H. fehlen konkrete Informationen über die
Entwicklung eines Kindes. Es gäbe auch einiges in ihrem Leben
zu organisieren. Was sind die Motive für den Kinderwunsch
ohne einen Vater bzw. Partner dabei haben zu wollen?
Was
für eine Aufgabe!
Ich
werde nach dem BAT bezahlt. Ich bin wirklich unabhängig vom
Klienten. Soll ich wirklich ernst machen?
Mich
erinnert dieser ganze Fall an eine andere junge Mutter, die
mit ihrem ebenfalls dreijährigen Sohn – auch auf
Veranlassung einer Kindertagesstätte und aus Angst vor dem
Verlust des Betreuungsplatzes – fast ein Jahr regelmäßig
einmal in der Woche zu mir kam, ohne dass es wegen ihrer
strikten Lebensauffassungen möglich gewesen wäre, ein
systematisches verhaltenstherapeutisches Behandlungskonzept zu
entwickeln. Wir unterhielten uns lediglich darüber, was sie
mit dem Sohn macht und erlebt und was sie demnächst machen
wollte. Während der Gespräche erfreute uns das Kind mit
seinem Spiel.
Die Therapie ohne Konzept war erfolgreich. Das bestätigte mir
nicht nur die Mutter, sondern auch die Kindertagesstätte, die
mir daraufhin noch mehr Kinder schicken wollte. Wie jetzt
diese Mutter. Ich mache also alles genauso, wie im ersten
Fall. Und wieder wird es ein Erfolg. Und das sogar bereits mit
wenigen Sitzungen. Komisch.
Was hat denn da geholfen? Habe ich vielleicht zufällig die
„konzeptionslose Verhaltenstherapie“ erfunden?
Anonyma

Älteres
Ehepaar, weit über die Achtzig, in der Straßenbahn
belauscht.
Mann:
„Hatschiii...“
Frau:
„Gesundheit!“
Pause.
Mann:
„Hatschiii...“
Frau:
„Gesundheit!“
Pause.
Mann:
„Hatschiii...“
Frau:
„Willst Du nicht endlich ‘mal ein Taschentuch nehmen!“
Pause.
Diesmal die Frau:
„Hatschiii...“
Der
Mann reagiert sofort:
„Willst Du nicht endlich ‘mal ein Taschentuch nehmen!“
Frau:
„Wieso? Das war doch erst das erste Mal...“
Mann:
„Musst Du denn immer widersprechen?!!“
Anonyma
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