| VERHALTENSTHERAPIE &
VERHALTENSMEDIZIN 22. Jahrgang / Heft 2 - 2001

Die "Histrionische
Persönlichkeitsstörung" könnte man auch als
"Flachdenkersyndrom" bezeichnen. So nenne ich es oft
scherzhaft, denn es trifft ja den Nagel auf den Kopf. Man
erinnere nur an Sartres Konzept der Unwahrhaftigkeiten.
Histrioniker sind "die kindischen
Götter, die ihre Opfer quälen aus Spaß, zu ihrer eigenen
Erbauung". So jedenfalls beschreibt sie bereits Franz
Kafka, der auch unter Flachdenkern zu leiden hatte – genau
wie ich, der ich mich ebenfalls zu den schizotypisch
Empfindsamen zähle.
Deshalb wende ich mich vehement gegen die
zunehmende Histrionisierung der Gesellschaft, gegen den sog.
Hysterischen Hedonismus, wie es Stanley Kubrick nannte, in
seinem Film "Uhrwerk Orange", 1970. Es ist ja leider
auch so gekommen. Siehe die Werbefuzzies, die
Wirtschaftsfritzen, Konsum und Kommerz, usw.
Die Jugendlichen in den Diskotheken haben
inzwischen alle diese kurzen Haare, viel zu große Hosen an
und tragen Kleinkinderhemdchen. Ein-Meter-Fünfundachtzig
groß: Man könnte leicht zwei Konfirmanden draus machen.
Anonymus

Neulich habe ich wieder einen dieser Abende
mit meinem Freund verbracht. Sie sind anstrengend, alle Sinne
fordernd. Man muss gut dosieren. Jeden eigenen Beitrag, jede
Geste, jeden mimischen oder anders gearteten Kommentar nimmt
er als "Anzeichen" wahr, dass er, der seinen IQ gern
mit "über 140" angibt, nicht verstanden wurde. Sich
nämlich in die Niederungen banalen Erklärens herablassen zu
müssen, ist ihm sichtlich zuwider. Das Image des Besuchers
ist ständig in Gefahr, eine Herablassung zu erfahren. Als
Mann hätte ich es wohl noch schwerer in dieser
Konkurrenzsituation.
Als Frau aber, immerhin. Die Abende sind kurzweilig. Er
provoziert gern. Besonders gern schimpft er über die
psychotherapeutische "Nullkapazität" der
Professoren. Die sollten sich alle nur ‘mal einen Monat
lang als Psychotherapeuten niederlassen, bevor sie Klinische
Psychologie lehrten. Sie vermitteln den Studierenden doch ein
völlig falsches Bild von der Praxis.
Vermutlich geht seine Vorwurfshaltung auf ein viele Jahre
zurückliegendes Trauma zurück. Note "gut – zwei"
im Fach Klinische Psychologie. Solch fatale Fehleinschätzung
vergisst man nicht. Da ist auch er etwas kleinlich!
Dabei schien damals die Note "sehr gut – eins"
schon fast sicher. Angesichts der Nullkapazitätsfragen des
Professors geriet er bereits nach kurzer Prüfungsdauer in
eine gelöstere, ja submanische Stimmung, weshalb er
beiläufig einfließen ließ, Psychologische Therapie könne
ja wohl nicht so schwierig sein, oder?
Es gehe doch darum: Depression sei mit Aktivation zu
"vertreiben". Vor der Angst dürfe man eben nicht
"weglaufen". Das Wiederholen von Zwängen sei
möglichst rasch zu "unterbrechen". Und bei
funktionellen Beschwerden seien die situativen Zusammenhänge
zu erkunden. Vor allem solle man sich keine unsinnigen
Gedanken um all‘ die Probleme machen. Alles Dinge, die vor
den Verhaltenstherapeuten ja schon die alten Griechen wussten,
oder?
Er wollte noch fortfahren, war aber durch die Mimik des
Prüfers in leichte Verwirrung geraten. Das kannte er aus der
Ausdruckspsychologie: das Sich-weiter-Zurücklehnen und diese
Blickabwendung. Gefahr witternd war er unsicher geworden:
Sollte sein Professor etwa doch auf beiden Seiten des Ufers
– Uni und Praxis – stehen?
Der Professor meinte beim Abschied dann nur noch, es sie
prinzipiell kein Fehler, ein Simplex-Konzept zu formulieren,
um es dann der praktischen Überprüfung zuzuführen. Die
Praxis werde ihn schon lehren. So väterlich die Antwort des
Professors gesagt war, hatte er doch den Eindruck, für diese
so völlig unnötige, seinen Prüfer entblößende
Entäußerung die Quittung in der Note erhalten zu haben.
Vielleicht hätte das Trauma doch noch zu den Sedimenten des
Unbewussten, in denen die Sedimentforscher so hingabevoll
wühlen, hinabsinken können, wenn er nicht so überzeugt
gewesen wäre, im Grunde doch Recht gehabt zu haben.
Für meinen Freund jedenfalls wiesen diverse
Forschungsergebnisse schließlich alle in die gleiche
Richtung, aus denen für ihn schon vor Jahren auch der
"Typus: Klinischer Prof" immer klarer hervorgetreten
sei – spätestens zu einer Zeit, als dieser
"Typ" (der Typus-Begriff soll die nicht zur
Veröffentlichung geeigneten Bezeichnungen anderer Art
symbolisieren), der sich vor seinen Studenten als
Psychotherapeut gerierte, sein Selbstwertproblem bekam.
Überhaupt seien die lehrenden Forscher der Klinischen
Psychologie doch nur neidisch auf die im wahren Leben
stehenden Praktiker, die sie zur Strafe am liebsten
supervidierten, während sie selbst die Fron des Lebens
leisteten. Nur deshalb müssten sie die Studierenden so
differenziert unterrichten, dass sie – die Studierenden –
letztlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sähen, will
heißen: in Kompetenzzweifel gerieten, um dann als spätere
Praktiker mit immer neuen Begriffen für bereits uralte
Gewissheiten durch die gleichen Prof‘s neu aufgebaut zu
werden.
Als mein Freund mir die Tür öffnete, mich mit seinem
unwiderstehlichen Lächeln und einem herzlichen
"Nolimetangere" an sich drückte, fiel mir der Duft
seines neuen Parfums auf; und ich nahm mir vor, ihn später,
bei wohl berechneter Gelegenheit, mit einem wohlwollenden
Kommentar zu beglücken.
Anonymaeus
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