| VERHALTENSTHERAPIE &
VERHALTENSMEDIZIN 22. Jahrgang / Heft 1 - 2001

Historische Perspektive
Bericht des Senats einer der ältesten
Universitäten im Deutschen Sprachraum:
1877
In neuester Zeit haben sich übrigens die
betreffenden Bestrebungen abermals stärker hervorgewagt und
hie und da selbst den Schutz der Professoren-Collegien
gefunden. Die Mehrzahl der letzteren steht indess noch immer
auf dem richtigen Standpunkte, dass die Universitäten,
wenigstens unsere heutigen Universitäten nur für die
männliche Jugend bestimmt sind. So heisst es in einem über
diese Frage erstatteten Votum:
"... eine solche Einrichtung würde
den ganzen bisherigen Charakter der Universität alteriren.
Der Eintritt der Frauen in die Vorträge müßte zunächst die
wissenschaftliche Seite der letzteren völlig umgestalten,
indem die Docenten Vieles, was sich für das Ohr der Männer
eignet, erst jenem der Frauen, namentlich züchtiger
Jungfrauen, anzupassen genötigt wären, wodurch es sich
wieder nicht für den männlichen Charakter eignen würde.
Ferner müssten bei dem Contacte der
verschiedenen Geschlechter in den Hörsälen und Bänken,
umsomehr als beide sich im Blüthenstadium der
geschlechtlichen Entwicklung befinden, grosse Gefahren für
den wissenschaftlichen und sittlichen Ernst Beider erwachsen,
welche völlig neue disciplinare Anordnungen nöthig machen
würden, ohne doch voraussichtlich zu einem erwünschten Ziele
zu führen.
Eine Aenderung des scientifischen und disciplinaren Charakters
der Universität aber zu Ungunsten der Männer und zu Gunsten
der Frauen, namentlich einiger, im besten Falle lediglich
neugieriger und solcher, welche, den ihnen durch Natur und
Sitte angewiesenen Wirkungskreis verkennend, darüber hinaus
in den Kreis der Männer störend einzutreten beabsichtigen,
kann weder im Interesse der Wissenschaft, noch einer selbst
fortschrittlichen socialen Ordnung liegen.
Die Universität ist heute noch und wohl für lange hinaus
wesentlich eine Vorschule für die verschiedenen Berufszweige
des männlichen Geschlechts, und so lange die Gesellschaft,
was ein gütiges Geschick verhüten möge, die Frauen nicht
als Priester, Richter, Advocaten, Aerzte, Lehrer, Feldherrn,
Krieger aufzunehmen das Bedürfnis hat, das heisst, so lange
der Schwerpunkt der Leitung der socialen Ordnung noch in dem
männlichen Geschlechte ruht, liegt auch keine Nötigung vor,
den Frauen an der Universität ein Terrain einzuräumen,
welches in den weiteren Folgen unmöglich zu begrenzen
wäre."
Das Ministerium hat diesen Anschauungen vollkommen
beigepflichtet. Die "Frauenfrage" erheischt
vielleicht eine Reorganisierung der für die weibliche Jugend
bestimmten Lehranstalten, keineswegs aber die Vermischung der
Geschlechter auf den bestehenden mittleren und hohen Schulen.

Aktuelle Perspektive
Beobachtungen während eines Beratungsgesprächs in einer
klinischen Universitäts-Ambulanz der Kinder- und
Jugendpsychiatrie. Teilnehmer sind eine ratsuchende Mutter mit
Sprößling, der leitende Arzt, selbst Vater, und die
Psychologin, werdende Mutter.
2001
Der Arzt=Vater referiert in aller Kürze die
wesentlichen Fakten...
"Bei Ihrem Kind besteht ein deutlicher
Entwicklungsrückstand, vor allem in den Bereichen
altersspezifischen Leistungsvermögens und sozialer
Integrationsfähigkeit. Wenn Sie darüber genauer Bescheid
wissen wollen" ... mit kurzem Blick hinüber zur
Psychologin ... "unsere junge Kollegin erklärt es Ihnen.
Sie kann Ihnen auch sagen, wie man diese Schwächen beheben
kann!"
Das hat keine zehn Minuten gedauert, bis er eilenden Schrittes
entschwindet – eine kurze Entschuldigung murmelnd:
"Termindruck, andere Patienten, Sie verstehen
schon..." Er, der Facharzt=Vater, registriert gar nicht
mehr den Schrecken und die Betroffenheit der
Zurückbleibenden.
"Haben Sie selbst schon Kinder?" fragt die Mutter
ängstlich.
"Nein", muss die erst werdende Mutter bekennen. Und
spontan fällt ihr mit Schrecken ein erst wenige Wochen
zurückliegendes "Gespräch unter vier Augen" mit
dem leitenden Arzt ein.
Damals hatte dieser sie angesichts der nicht mehr zu
verheimlichenden Schwangerschaft besorgt gefragt, ob sie denn
nicht befürchte, in der Zeit der Karenz den Anschluß an die
geradezu explodierenden wissenschaftlichen Entwicklungen ihres
Fachs zu verlieren. Die geplante Promotion würde jetzt ja
wohl sehr in Frage stehen, oder? Angesichts dieser Situation
halte er es für besser, wenn sie nicht länger im
Forschungsprojekt mitarbeite, sondern einer eher praktischen
Tätigkeit in der Ambulanz nachgehen würde ...
Und so war es dann geschehen:
Frauen als (werdende) Mütter mehr fürs Praktische in
Haushalt und Beruf, wenn Letzteres wegen der zu erwartenden
Überlast überhaupt noch sein muß...
Wissenschaft als Beruf nurmehr für züchtige Jungfrauen.
Ach ja, nicht zu vergessen, wie von Alters her:
Wissenschaft natürlich weiterhin und vor allem als Beruf für
züchtige und unzüchtige Männer und Väter!
Aber immerhin, oder?
Anonymae
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