| VERHALTENSTHERAPIE &
VERHALTENSMEDIZIN 21. Jahrgang / Heft 4 - 2000

Zum
Jahreswechsel eine Schöpfungsgeschichte.
Als Gott die Welt erschuf,
erschuf er am ersten
Tag die Ängste.
Am Morgen schuf er die Angst vor dem Alleinsein,
und damit die Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgenheit
erlebt.
Zu Mittag die Angst vor der Nähe,
und damit die Angst vor der Selbsthingabe, als Ich – Verlust
erlebt.
Am Nachmittag die
Angst vor dem Wagnis,
und damit die Angst vor der Wandlung, als Unsicherheit
erlebt.
Und am Abend die Angst vor dem Tod,
und damit die Angst vor der Endgültigkeit, als Erfüllung
eines
nicht zu verstehenden Schicksals erlebt.
Am zweiten Tag schuf er die
Zwänge als magische Handlungen,
um die Ängste zu besänftigen.
Am dritten Tag schuf er die
psychosomatischen Beschwerden,
um dem Körper eine Sprache zu geben.
Am vierten Tag schuf er die
Depressionen,
um damit der Hoffnungslosigkeit Ausdruck zu verleihen.
Am fünften Tag schuf er den
Alkohol, den Tabak
und die Drogen zur Erleichterung.
Am sechsten Tag schuf er die
Schizophrenie, die Spaltung
und die Halluzinationen als letzten Rettungsanker.
Am siebten Tag schuf er das
Vergessen,
um der Verdrängung eine Chance zu geben.
Das Ganze würzte er mit
Trieben, unerfüllten Bedürfnissen,
zwischenmenschlichen Größenspielen und Aggressionen.
Als Gutschein gab er die Hoffnung dem Menschen,
und als Belohnung die Freude.
Das alles bettete er in die
Zeit und den Raum,
damit die Vergangenheit die Gegenwart und die Zukunft nicht
loslassen braucht.
Dem Menschen nahm er den
Instinkt weg und gab ihm dafür die Vernunft.
Jetzt weiß er nicht mehr, was er tun muss,
kann aber nachdenken, was er tun soll.
Als Draufgabe schuf er die
Psychologen und Psychotherapeuten,
die glauben, fast alles über Gefühl und Vernunft zu wissen.
Diese ganze Mischung setzte
er auf eine Erde.
Dann
zog er sich in den Himmel zurück, um das jüngste Gericht
vorzubereiten, wo er richten wird über die Lebenden
und die Toten.
Anonymus
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