VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

21. Jahrgang / Heft 2 - 2000

 

Jede Zeit hat ihre Moden und – wer wollte es leugnen – auch jede Wissenschaft.

Marktgesetze fordern ständige Innovation: Jede „Neue Psychotherapie“ ist eben nicht mehr „alt“ und „unmodern“ wie das Bisherige – schon gar nicht mehr so „lästig uneffektiv“, verspricht sie doch ausdrücklich „ganzheitlich“ und dann (dies vor allem) „noch humaner“ mit Menschen umzugehen.

Verhaltentherapie, einsichts­ori­en­tierte und tiefenpsychologische Schu­len haben gemeinsam gegeneinander gekämpft, um die Operation „Psychotherapiegesetz“ gut zu überstehen. Mit halbem Erfolg, aber immerhin. Da mag es als Gefahr erscheinen, jetzt schon wieder alte Gräben aufzuwerfen oder im direkten Datenvergleich mögliche „Niederlagen“ zu erfahren.

Ein Weg, dies zu vermeiden, ist die gemeinsame neue Zielsetzung der Entwicklung einer integrativen ganzheitlichen Therapiemethode. Psycho­therapie im Dialog. So kann man heute ohne Gesichtsverlust in einer Rehabilitationsklinik tiefenpsychologischer Prägung Expositionen, Selbstsicherheitstrainings und andere handlungsorientierte Mosaiksteine in den offiziellen Therapieplan aufnehmen und sich fortschrittlich geben. Wie umgekehrt mancher Verhaltenstherapeut seine latente Liebe zu psychodynamischen Konstrukten ausleben kann, was einfacher, kreativer und angemessener zu sein scheint als die mühselige Erstellung und fortlaufende Überprüfung einer Verhaltensanalyse.

Marktinnovativer Zwang oder etwa – höflicher ausgedrückt – zeitgemäßer Verlust der Beißhemmung?

Bei genauem Hinsehen sind wir offensichtlich auf einem Komplexitätsniveau angelangt, das die Psychotherapie erst spannend macht. Nur ganz gelegentlich noch so banale Beweggründe wie überdeterminierte Motivationslagen und öffentlich verheimlichte Triebregungen.

Die Probleme unserer Patienten sind komplex und entsprechend kompliziert zu behandeln. Wie kommt es nur, dass Psychotherapeuten immer wieder den Eindruck vermitteln, die Probleme von Patienten müssten doch eigentlich recht einfach zu lösen sein?

Dabei weiß jedermann – auch ohne Psychotherapeut zu sein – dass es kein Patentrezept geben wird. Auch keine noch so ganzheitlich integrative Psychotherapie wird dies je versprechen können, auch wenn sie noch so geschickt unterschiedlichste, teils sich ausschließende Störungsmodelle in sich vereinigt und zu verbindlichen Therapiemanualen führt („universitär getestet und trainierbar“) oder individuelle Vorgehensweisen propagiert („einzigartig, aber in Selbsterfahrung gut lernbar“).

Andererseits, wenn man in die Praxis schaut: Ganz so hoffnungslos scheint es nicht bestellt zu sein mit der Quadratur des Kreises. Wir schauen doch alle bereits heute mit Tiefenblick in die biographische Vergangenheit des Patienten, klarifizieren dann die Gegenwart gesprächstherapeutisch und gehen schließlich dann alle mit dem Patienten auch noch verhaltenstherapeutisch handelnd in die Zukunft. Oder?

Die Begriffe „Ganzheitlichkeit“ und „Integrative Methode“ waren noch vor kurzer Zeit mit chinesischer Heilkunst bzw. humanistischem Behandlungsakzent assoziiert. Inzwischen schmücken sich damit selbst die Propheten in den herkömmlichen Schulen. Wirklich nur um der Sache (sprich: der Patienten) willen? Oder handelt es sich dabei nur um das verschleierte Festhalten an alten Gepflogenheiten bei gleichzeitiger Verteidigung und Eroberung von Marktanteilen in neuen Gewändern?

Bitte sehr! Freie Auswahl! Möge sich jeder seinen Anteil am neu zu verteilenden Psychotherapiekuchen heraussuchen: „Alternative“ oder „Allgemeine“ oder „Psychologische Therapie“ – oder lieber „integrativ“ oder „dialogisch“? Auf jeden Fall aber – ist doch selbstverständlich – viel besser und noch erfolgreicher als früher, weil eben innovativer als herkömmliche Therapie.

Ich bin mal gespannt.

Anonymus


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