VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

Heft 4 - 1999

Gunther H. Moll, Gerald Hüther & Aribert Rothenberger
Neurobiologische Modellvorstellungen zu Entstehung und Aufhebung von Zwängen/Zwangsstörungen

Zusammenfassung. Mißlungene Entwicklungs- und Anpassungsprozesse zur Bewältigung ängstigender Anforderungen können zur Entstehung von Zwängen bzw. Zwangsstörungen führen. Durch Wiederholungen anfangs „erfolgreicher Lösungsstrategien“ zur Abnahme von Ängsten kommt es zu immer stärkeren Bahnungen derjenigen neuronalen Verschaltungen, die letztendlich den Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zugrunde liegen. Zur Aufhebung von Zwängen sind diese gebahnten neuronalen Verschaltungen wieder „aufzulösen“. Dies ist durch „Reizexpositionen mit Reaktionsverhinderung“ möglich. Aufgrund der dabei subjektiv erlebten Unkontrollierbarkeit der Expositionssituationen werden längerfristig streßempfindliche Nervenzellnetzwerke aktiviert und umfassende neuroendokrine Streßreaktionen ausgelöst, die zur Destabilisierung (bis sogar Elimination) dieser Verschaltungen führen. Andererseits ist die Bildung neuer, von Zwängen unabhängiger neuronaler Verschaltungen als Grundlage neuer Verhaltens- und Bewältigungsmöglichkeiten, insbesondere ängstigender Anforderungen bzw. Situationen, notwendig. Dies ist durch langfristiges, stetiges Einüben adäquater Handlungsabläufe zu erreichen, wobei bisher unkontrollierbare Anforderungen als zunehmend kontrollierbar erlebt und gedanklich und/oder durch angemessenes Verhalten bewältigbar werden. In diesem „Aufbauprozeß“ können eine Medikation mit selektiven Serotonin-Rückaufnahmehemmern und verhaltenstherapeutische Maßnahmen sinnvoll zusammenwirken. Zur Stabilisierung dieser neu gebildeten Verschaltungsmuster sind Situationen, die noch Angst, Besorgnis, Anspannung oder Unruhe hervorrufen, langfristig immer wieder selbständig erfolgreich zu bewältigen. Während dieser nun als kontrollierbar erlebten Herausforderungen kommt es nur noch zu kurzzeitigen Aktivierungen streßempfindlicher Systeme und infolgedessen zur Bahnung und Festigung neu gebildeter neuronaler Verschaltungen. Dies ermöglicht eine immer größere Linderung der Zwänge und eine immer bessere Bewältigung zuvor Angst auslösender Anforderungen bzw. Situationen.

Schlüsselwörter: Zwänge, Zwangsstörung, Entwicklungsprozesse, Streßreaktionen, neuronale Verschaltungen, kognitiv-emotionales Regelkreissystem, Reizexposition mit Reaktionsverhinderung, Serotonin-Rückaufnahmehemmer

Prof. Dr. Aribert Rothenberger
Klinik und Poliklinik für
Kinder- und Jugendpsychiatrie
von-Siebold-Straße 5
D-37075 Göttingen


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