VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

Heft 4 - 1999

Ulrich Hegerl, Paraskevi Mavrogiorgou
Die Zwangsstörung aus neurobiologischer Sicht

Zusammenfassung. Das gut belegte therapeutische Ansprechen von Zwangsstörungen auf eine Behandlung mit serotonergen, nicht aber noradrenergen Antidepressiva ist der stärkste, wenn auch nur indirekte Hinweis auf eine mögliche pathogenetische Bedeutung des serotonergen Systems bei dieser Erkrankung. Die Untersuchungsergebnisse hinsichtlich peripherer Indikatoren des serotonergen Systems oder aus serotonergen Stimulationstests sind inkonsistent oder nur schwer interpretierbar, so daß klare Belege für eine zentrale Rolle einer serotonergen Dysfunktion bisher fehlen. Während die Befunde der strukturellen Bildgebung (cCT, NMR) heterogen sind, ist von mehreren Autoren mit der funktionellen Bildgebung (SPECT, PET) eine Überaktivität im Bereich des orbitomedialen Kortex gefunden worden, die sich parallel mit der Zunahme der Zwangssymptome durch Exposition bzw. der Abnahme der Zwangssymptomatik unter medikamentöser oder verhaltenstherapeutischer Behandlung änderte. Diese Befunde führten zu spekulativen pathogenetischen Modellen, die von einer erhöhten positiven Rückkoppelung zwischen orbitofrontalem Kortex und dem Thalamus in Folge einer Dysfunktion im Bereich der Basalganglien ausgehen. Auch wenn bisher noch kein überzeugendes und gut belegtes biologisches Erklärungsmodell der Zwangsstörung vorliegt, so wurde doch durch die intensive biologisch orientierte Forschungsarbeit der letzten 15 Jahre unser Blick dafür geschärft, daß das gestörte Verhalten unserer Patienten mit Zwangsstörungen auch eine pathophysiologische Grundlage hat und auf dieser Ebene auch behandelbar ist.

Schlüsselwörter: Zwangsstörung, Neurobiologie, serotonerges System, orbitofrontaler Kortex

Prof. Dr. med. U. Hegerl
Psychiatrische Klinik und
Poliklinik Großhadern
Abt. f. klinische Neurophysiologie
Nußbaumstraße 7
D-80336 München


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