VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

Heft 4 - 1999

Erfahrungsseelenkunde

Vor nicht allzu langer Zeit hatte einer unserer anonymen Autoren in der ErfahrungsSeelenkunde die Frage gestellt: Haben Sie als Psychotherapeut schon einmal darüber nachgedacht, zu welchem Therapeuten Sie gehen würden und welche Qualitäten dieser – Ihr – Psychotherapeut besitzen sollte?

Kürzlich erhielten wir die Antwort eines Psychotherapeuten, der nach Erkrankung an einer Depression tatsächlich in die eigenwillige Situation gekommen war, in einer psychosomatischen Klinik selbst eine Psychotherapie absolvieren zu dürfen. Ihm wurde eine frisch approbierte Bezugstherapeutin zugewiesen, die etwa 15 Jahre jünger als er selbst war.

Gegen Ende des Klinikaufenthaltes faßte er seine Erfahrungen für uns zusammen, woraus wir gern auszugsweise zitieren. Er überschreibt seine "Sicht der Dinge" mit folgenden Worten:

Ratschläge für "Psycho­thera­peu­ten als Patienten" im Umgang mit Psychotherapeuten:

Kommen Sie möglichst nicht auf die Idee, dem Therapeuten oder der Therapeutin gegenüber zu verdeutlichen, daß Sie selbst auch etwas von Therapie verstehen und daß Sie deshalb höchst kritisch damit umgehen werden, was diese, die vielleicht junge und wenig erfahrene Therapeutin mit Ihnen als erfahrenem Psychotherapeuten alles anstellt.

Gehen Sie stattdessen möglichst konstruktiv auf alles ein, was Ihnen Ihre Therapeutin vorschlägt, und stellen Sie möglichst keine Bedingungen! Erfüllen Sie ihren Job als Patient!

Bekunden Sie bereits in den ersten Therapiesitzungen, daß Sie möglichst viel in Ihrem Leben ändern werden, idealerweise so, wie es die Therapeutin heimlich von Ihnen erwartet! Andernfalls könnte Ihre Therapeutin Schwierigkeiten beim "Aufbau und Behalt einer guten Therapeut-Patient-Beziehung" bekommen. Das darf sie nämlich nicht.

Wenn Sie nämlich als Patient nicht wunschgemäß funktionieren, käme Ihre Therapeutin nur allzu leicht in Versuchung, mit Ihnen vorrangig über Erfahrungen zu sprechen, die sie mit Ihnen in der Therapeut-Patient-Beziehung macht.

An letzterem können Sie übrigens gut ablesen, ob Sie ein guter Patient sind: Geht die Anzahl der Interventionen zurück, mit denen Ihre Therapeutin versucht, Sie mit sich selbst zu konfrontieren, sind Sie auf dem Weg der Besserung.

Sollten Sie nicht den Erwartungen Ihrer Therapeutin an einen Fully Functioning Patient entsprechen, besteht sogar die Gefahr, daß Sie als ‚nicht-compliant‘ gelten oder die Diagnose einer "Narzißtischen Persönlichkeitsstörung" erhalten.

Ich habe fast den Eindruck, daß mir das wegen meiner dauernden Kritteleien bereits passiert ist – auch wenn meine Therapeutin sich dazu nicht äußert, obwohl ich sie bereits gefragt habe...

Und gegen Ende seiner Ausführungen schloß unser Kollege seinen längeren Brief mit den Worten:

...Ich bin vor einigen Tagen auf die möglicherweise absurde Idee gekommen, den Klinikchef zu bitten, mir die Möglichkeit einzuräumen, meine "psycho­thera­peu­tischen Anwendungen" bei einem anderen Therapeuten zu bekommen. Sie können sich nicht vorstellen, wie der reagiert hat. Seine Antwort war ungefähr: "Sie waren doch auch einmal Anfänger in unserem Geschäft, oder?"

Sollte man etwa als Patient Mitleid mit seinem Therapeuten haben? Inzwischen versuche ich wieder mein Bestes. Es sind nur noch zwei Wochen. Was ich als Therapeut machen werde, wenn ich selbst wieder "im Geschäft" bin, weiß ich noch nicht.

Vieles wird sich ändern, und man könnte fast den Eindruck gewinnen, daß meine Therapie erfolgreich verlaufen sei. Was sie jedoch nicht ist. Ich werde mein Leben als Psychotherapeut möglicherweise deshalb ändern, weil ich selbst nicht erfolgreich psychotherapeutisch behandelt wurde.

Anonymus


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