VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

Heft 3 - 1999

Erfahrungsseelenkunde

 

Liebe Kinder!

Vor langer Zeit gab es hinter den sieben Bergen, hinter dem Teppichland und Erdbeerland das Zwergenland.
Weil das Leben im Zwergenland so anstrengend war, haben viele Zwergerl psychische Krankheiten bekommen.
Viele Zwergerl sind ja deprimiert, weil sie so klein sind. Andere Zwergerl halten es nicht aus, daß es siebenmal so viele Zwergerl wie Schneewittchens gibt. Andere Zwergerln trinken zuviel Honigwein oder sind süchtig auf Heidelbeeren. Manche Zwergerln fühlen sich von anderen Zwergerln verfolgt. Manche kriegen im Bergwald vor Angst keine Luft mehr, oder sie sind allergisch gegen ihre Mützen. Und manche haben Angst vor Schneewittchen.

Andererseits hatten die meisten Schneewittchen eine Apfelphobie.

Im Zwergenland gab es ein Zwergenpsychotherapeutengesetz, dessen Rahmen- und Zugangsbedingungen im Laufe der Jahre immer wieder verändert wurden, so daß jetzt eigentlich jedes Zwergerl eine Psychotherapeutenausbildung machen konnte.

Von den Zwergerln im Zwergenland haben praktisch neunzig Prozent eine Psychotherapeutenausbildung gemacht, die aber, weil es so viele Zwergerltherapeuten gab, immer länger und länger geworden ist und schließlich schon dreißig Jahre dauerte, so daß den meisten Zwergerln dann nur mehr circa zehn Jahre zur Ausübung der Zwergerlpsychotherapie blieben.

Ihr könnt Euch vorstellen, liebe Kinder, daß die Versorgung der Zwergerlbevölkerung völlig zusammengebrochen ist, weil jedes Fleischhauerzwergerl lieber ein Psychotherapeutenzwergerl sein wollte, und jedes Arbeiterzwergerl, jedes Angestelltenzwergerl, alle wollten sie lieber Psychotherapeutenzwergerl werden.

Und wenn man in ein Gasthaus essen gehen wollte, hat man zuerst eine Stunde Gesprächstherapie mit dem Kochpsychotherapeutenzwergerl absolvieren müssen, bevor man ein Essen serviert bekommen hat. Und wenn man in einer Trafik noch schnell 5-vor-12 Zigaretten holen wollte, ist man zu einem Selbstmanagementgespräch in das Hinterzimmer gebeten worden.

Und wenn man einen Autobuschauffeur mieten wollte, der natürlich auch ein Psychotherapeut war, war auch zuvor ein einstündiges Psychotherapiegespräch notwendig, um die Hintergründe für die Reisewünsche herauszuarbeiten.

Damit man die Zwergerl nach ihren verschiedenen Zwergerlpsychotherapieschulen unterscheiden konnte, hatten sie je nach Schule verschiedenartige Mützen auf. Die Psychoanalysezwergerl hatten neutrale, farblose Mützen, die Verhaltenstherapeutenzwergerl hatten strahlend goldene Mützen gewählt, usw.

Es gab auch einen Bundesverband für Zwergenpsychotherapie, und der Präsident war das Prinzenzwergerl. Der war ja ganz mächtig, denn er war auch Präsident vom Weltverband für Zwergenpsychotherapie.

Stellt Euch vor, Kinder, da sind doch die Statuten vom Bundesverband für Zwergenpsychotherapie immer wieder geändert worden, damit das Prinzenzwergerl immer wieder zur Präsidentenwahl antreten konnte. Und wie das Prinzenzwergerl dann siebzig Jahre alt geworden ist, hat es wieder neue Statuten gegeben, daß nur Zwerge über siebzig Jahre Präsident des Bundesverbandes für Zwergenpsychotherapie sein können.

Vielleicht, liebe Kinder, wird daraus auch einmal ein Zwergerlverband für den ganzen Kosmos, das heißt für die kleinen grünen Männchen auf dem Mars und darüber hinaus in der Zwergerlmilchstraße.

Und dann, liebe Kinder, muß ich Euch erzählen, ist eines Tages etwas ganz Schreckliches passiert.

Nachdem das Prinzenzwergerl über dreißig Jahre ohne Ergebnis mit den Krankenkassenzwergerln wegen eines Zwergerlkrankenkassenvertrages verhandelt hatte, ist plötzlich ein großes Gewitter gekommen, und es hat geblitzt und gedonnert und gehagelt und geregnet. Und dann ist plötzlich der große Zauberer erschienen und hat mit lauter Stimme gesagt:

Abra Kadabra, Zwetschgenmus und Ziegelstein, jetzt wird endlich Ordnung sein!

Alle Zwergerl sind ganz benommen am Boden gelegen und erst langsam wieder zu sich gekommen. Und bei allen haben die Augen zu leuchten angefangen. Und das Fleischhauerpsychotherapeutenzwer-gerl wollte plötzlich nur mehr Fleischhauerzwergerl sein, und das Autobuschauffeurpsychotherapeutenzwergerl plötzlich nur mehr Autobuschauffeurzwergerl, und das Trafikantenpsychotherapeutenzwergerl plötzlich nur mehr Trafikantenzwergerl.

Und nur ein paar wenige Psychotherapeutenzwergerl sind übrig geblieben, die sehr gut ausgebildet waren und die mit großer Lust bis ins hohe Alter Psychotherapie gemacht haben.

Wer diese auserwählten Zwergerln waren und ob sie heute noch leben, das, liebe Kinder, erzähle ich Euch beim nächsten Mal.

Anonymus


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