| VERHALTENSTHERAPIE &
VERHALTENSMEDIZIN Heft 2 - 1999
Erfahrungsseelenkunde
Gesetzt den Fall:
Ein 45jähriger
Psychotherapeut, frisch approbiert, linkisch,
schüchtern, wider Willen monogam, skrupulös bis
zur Selbstauflösung, hyperreflexiv und diese
Hyperreflexivität verfluchend, um affektive
Ehrlichkeit bemüht und diese affektive
Ehrlichkeit verfluchend, arm an Gemüt, aber
reich an Intellekt.
Gesetzt den Fall:
Dieser Psychotherapeut sitzt im
Café seiner Angebetenen gegenüber, die er durch
nimmermüde drängende Briefe,
Selbstentblößungen und Selbstzerfleischungen,
in einer Mischung aus hartnäckiger Scheu und
scheuer Hartnäckigkeit zur Einwilligung in ein
Rendevouz genötigt hat.
Und nun immer noch den
Fall gesetzt sagt er zu ihr, ein Auge
gehoben, das andere gesenkt: "Ich bin zwar
45 Jahre alt, aber ich fühle mich wie ein
Schulbub, dem vor Aufregung die Knie zittern
..."
Ist das nun echt oder
berechnend oder beides oder keines von beidem?
Jeder Verständige wird nicht
anstehen zuzustimmen, daß wir uns in einem
strudligen Dilemma der Analyse dieser Situation
befinden, aus dem nur der Tod der Ausweg wäre.
Jede Wahrheit, die wir zutage fördern, wird sich
als Halb- oder Viertelwahrheit entpuppen, die
dennoch soviel Streitkraft besitzt, andere Halb-
und Viertelwahrheiten niederzuschreien.
Auf welche Seite wir uns auch
immer schlagen: auf die der sich erhebenden
Wahrheiten oder auf die der fallenden
immer sind wir Verlierer. Festen Boden gibt es
nirgends zu gewinnen. Deshalb sei allen Lesern
Absolution erteilt, die uns nicht auf dem
aussichtslosen Pfade der Zergliederung folgen
wollen, weil sie um die Hinfälligkeit des Zieles
und um die Grausamkeit der Mittel wissen: submite
sunt.
Je mehr Worte gesprochen sind,
je mehr Gedanken gedacht, je mehr Hypothesen
gewunden und gerankt: um so tödlicher die
Gefahr, daß Unbefangenes Feuer fängt und
verbrennt.
Es gibt kein Zurück zur
Unschuld der Betrachtung. Im Augenblick der
Kindheit, wo wir zum ersten Mal uns für ein
Gefühl rechtfertigen, eine Gemütsregung
interpretieren, eine Empfindung analysieren und
adressatenkonform ausdrücken: In diesem Moment
geht die Welt ein für allemal unter, und wir
können sie nie wieder erlangen. Es hülfe nur,
die Zunge auszureißen, bevor sie Worte formt;
die Augen auszustechen, bevor sie schmutzige
Zweckschleier über Schmetterlinge und
Verliebtheiten ziehen; die Ohren abzuschneiden,
bevor sie draußen hören, was sie selber drinnen
produziert haben; die Nase auszuschälen, bevor
sie die Dünstungen der Pflanzen, Tiere und
Menschen in Wohlgerüche und Mief scheidet.
In dem Augenblick, wo wir den
zergliedernden Blick auf die Geliebte oder eine
Blume richten, bricht unser Auge, das Lachen
erstirbt, die Tränen versiegen, und wir bedecken
unsere Nacktheit.
Nicht mehr hinsehen erwirkte
allein Linderung. Aber wer vermag das?
Versinken im Wortlosen: und
doch drüber reden wollen. Das ist der Mensch,
der fühlt und denkt.
Eine Unnatur. Zeit, daß man
ihn erlöse.
Es gibt keine zarten
Interpretationen, keine behutsamen Analysen. Es
gibt keine Worte, die nur streicheln, ohne
Striemen zu hinterlassen. Reden ist Dermographie.
Motive zergliedern, heißt Motive schaffen.
Motive schaffen, heißt Gegenstände zerstören.
Gegenstände zerstören, heißt, seine
Daseinsberechtigung im Reich der Sprach- und
Sprechlosen zu verlieren.
Nun weißt Du, warum Libellen
nicht reden. Warum der Mond nicht denkt. Und die
Welle nur singt, nicht verkündet.
Leser: wirf das Heft, das
Du in den Händen hältst, ins Feuer. Es löst
keines Deiner Probleme, es schafft nur neue.
Geschwätzigkeit verdeckt Dürftigkeit. Leser,
lies keine Buchstaben; Buchstaben verdecken die
freie Sicht auf das Wichtige.
Nein halt:
Lies noch die nächste Seite.
Dann tu das, was der Autor Dich heißt!
Anonymus
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