VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

Heft 1 - 1999

Rupert Hölzl
Die Diagnostik des Liebesfiebers oder: Antike Psychophysiologie ohne Polygrafen

Zusammenfassung. Nach einer Skizze der Rolle des Psychologen in der Psychosomatik wird an Hand eines weniger bekannten Abschnitts der Medizingeschichte die Notwendigkeil verhaltenspsychologischer Analysen in der klinischen Psychophysiologie und der Diagnostik psychosomatischer Störungen herausgearbeitet.
Die klassischen Fälle quasiexperimenteller Einzelfallanalysen des sog. "Liebesfiebers" bei Erasistratos, Galen und Avicenna mit Hilfe kontrollierter manueller Pulsüberwachung werden in heutigen verhaltenstheoretischen bzw. psychophysiologischen Begriffen rational rekonstruiert. Aus dieser Rekonstruktion wird das Konzept der "funktionellen Diagnostik" in der Verhaltensmedizin entwickelt.
Daraus ergibt sich die Möglichkeit einer "ontologisch neutralen" Position zum sog. Leib-Seele-Problem und eine Kritik des aktivierungstheoretischen Konzepts "emotionsspezifischer Reaktionsmuster". Die historischen Beispiele tiefschürfender diagnostischer Analyse bei primitivsten technischen Mitteln zeigen außerdem, daß die Qualität einer psychophysiologischen Untersuchung weniger vom Gewicht der eingesetzten Apparate als vom Hirngewicht des Untersuchers abhängt.

Schlüsselwörter: Psychophysiologie, Psychosomatik, Verhaltensmedizin, Geschichte, (funktionelle) Diagnostik



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