VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

Heft 3 - 1998

Erfahrungsseelenkunde

Börsennotierung. Der Psychotherapiemarkt in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist in der letzten Zeit sehr stark von der Diskussion um den Euro und die europäische Ausweitung beeinflußt worden. Selbst in der Schweiz soll der Euro neben dem Franken Zahlungsmittel werden. Die Frage, ob die Psychotherapie-Werte in der Folge einer einheitlichen Währung stärker oder schwächer werden, sorgt bereits heute für Spannungen auf den Märkten – nicht zuletzt, weil die Einführung des deutschen Psychotherapeuten-Gesetzes zeitlich mit der Einführung des Euros zusammenfällt.

Diese Spannungen hängen unter anderem mit vielen Unklarheiten zusammen. Nur zum Beispiel: Welche Psychotherapieverfahren werden sich nicht nur europaweit, sondern weltweit durchsetzen? Wird das deutsche Modell (also die Eingrenzung auf zwei Richtlinienverfahren „Psychoanalyse" und „Verhaltenstherapie") bindend? Oder schwappen von Österreich oder aus der Schweiz erneut viele weitere Verfahren nach Deutschland herüber? Und dann: Was wird aus Frankreich, Italien und Spanien, wo Verhaltenstherapie-Aktien immer noch kaum gehandelt werden?

In was soll man also an den Therapie-Börsen zukünftig investieren? Durch aufkommende Zins- und Liquiditätsängste (man denke nur an die Entwicklungen in den USA) ist die Stimmung zur Zeit sehr gedrückt.

In Deutschland wird der Psychotherapiemarkt momentan wesentlich durch übergeordnete Fusionen (AGPT und AGR) einigermaßen überschaubar gehalten. Dieses Fusionsmodell könnte sich langfristig vielleicht sogar als zukunftsträchtig erweisen: Diese beiden Modelle schließen nämlich wesentliche Integrationsbemühungen mit ein. In beiden Gruppierungen sitzen Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeuten gut gemischt an einem Tisch. Streitpunkt ist, ob man den deutschen Markt auf „Psychoanalyse" und „Verhaltenstherapie" begrenzen soll (so die AGR), oder ob man ihn für weitere alte oder auch neue Notierungen offenhalten sollte (so die AGPT).

Leider ist das Psychotherapeuten-Gesetz in der Frage der Marktöffnung relativ strikt auf die zwei großen Therapieschulen festgelegt. Zwar wird dieser Restriktion „positiv" zugeschrieben, daß der Psychotherapie-Index (PIX) ein erstes Hoch markieren konnte. Daß in diesem Kontext die AGPT-Werte etwas zurückliegen, wird u.a. damit begründet, daß sich unter ihren Notierungen immer noch gesprächs- und gestalttherapeutische sowie einige Psychodramaableger befinden. Erste Fusionsgespräche sollen hier jedoch für mehr Klarheit sorgen. Doch die Ausgrenzung oder auch Integration alternativer Therapieverfahren birgt viele Risiken.

Insbesondere für die drei führenden Psychotherapiemärkte (Österreich, Schweiz und Deutschland) ist mit Rückschlägen zu rechnen, zumal die Zukunft in den übrigen europäischen Ländern völlig offen ist. Konjunkturdaten belegen, daß die dortigen Psychotherapie-Entwicklungen auf eine beginnende Rezession hinweisen, nicht zuletzt wegen einer marktbeherrschenden Monopolstellung psychoanalytischer und tiefenpsychologischer Ansätze. Letztere geraten jedoch zunehmend in das Kreuzfeuer der Kritik seitens der Berner Psychotherapie-Inspektoren.

Erst wenn sich diese Situation ändert, könnte der europäische Markt neue Impulse erhalten. So soll in Kürze ein wissenschaftlicher Beirat für mehr Ruhe sorgen und die Berner Psychotherapie-Inspektoren ersetzen. Experten warnen jedoch: Sie betrachten zu spontane und zu hohe Kursausschläge etwa der Verhaltenstherapie-Aktien in Frankreich, Spanien und Italien mit großer Skepsis, da sich eine Nachfrage erst allmählich durchsetzen dürfte.

In jedem Fall darf man auf die zukünftigen Entwicklungen am europäischen Psychotherapiemarkt gespannt sein. Das Konzept einer differentiellen Indikation, das für einen allmählichen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Anbietern Sorge tragen könnte, ist erst in Ansätzen entwickelt.

Ob sich schließlich gar das Konzept einer allgemeinen psychologischen Therapie durchsetzen kann, dürfte sich im Unterschied zu früher nicht mehr durch verbesserte Angebote regulieren lassen. Eine „Psychologische Psychotherapie" könnte zwar ein ernster Konkurrent für die Klassiker „Verhaltenstherapie" und „Psychoanalyse" werden. Andererseits müßte eine solche Aktie nicht nur Käufer finden. Entscheidend wäre ihre breite Akzeptanz in der Praxis. Dem steht – zur Zeit jedenfalls – das Denken in Therapieschulen monolitsch gegenüber. Eine wenig marktbelebende Situation, die der Gesetzgeber in Deutschland noch auf viele Jahre hinaus festgeschrieben hat.

Anonymus

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