In ein
Wechselbad der Gefühle stürzt mich gerade die
Lektüre des Buches "Die mißbrauchte
Erinnerung. Von einer Therapie, die Väter zu
Tätern macht" von Offshe und Watters. Mir
fällt dazu selbst eine Geschichte ein, die mich
nach wie vor nicht in Ruhe läßt.
Eine 32jährige Frau mit prolongierter
Kindheitsamnesie (sie kann sich kaum an
Ereignisse vor dem neunten Lebensjahr erinnern)
berichtete ihrer Therapeutin, daß ihre
Mutter plötzlich gestorben sei, als sie selbst
erst fünf Jahre alt war. Sie wisse davon jedoch
nur aus Berichten ihres Vaters und der
Großeltern. Sie selbst könne sich an diese Zeit
gar nicht mehr erinnern.
Nach dem Tod der Mutter habe der Vater für vier
Jahre die alleinige Erziehung des Kindes
übernommen. Auch an diese Zeit fehlten der
Patientin die meisten Erinnerungen
jedenfalls sei sie sich nicht sicher, ob die
wenigen Dinge, an die sie sich erinnere, nicht
nur aus Erzählungen von Verwandten oder
Bekannten stammten.
Sie selbst kann sich erst wieder kontinuierlicher
an jene Zeit erinnern, als ihre weitere Erziehung
ab etwa 10 Jahren schließlich von den
Großeltern übernommen wurde. Sie kam damals
auffällig schlecht in der Schule voran und hatte
sich zunehmend vom Klassenleben isoliert. Als die
erfolgreiche Versetzung in die vierte Klasse
nicht mehr sicher war, hatten die Großeltern
ihre weitere Erziehung übernommen.Vier Jahre lang, nach dem Tod der
Mutter und im Alter zwischen dem fünften und
neunten Lebensjahr, lebte sie also mit dem Vater
allein: eine Zeit ohne Erinnerung...
Die Therapeutin stellte nach
einiger Therapiezeit die Diagnose
"Borderline-Persönlichkeitsstörung".
Die Therapeutin hatte zudem bereits über
mögliche Zusammenhänge der Borderlinestörung
mit sexuellem Mißbrauch in der Kindheit gelesen.
Sie versuchte daraufhin wiederholt und auf
unterschiedliche Weise, die Erinnerung an die
Zeit der prolongierten Kindheitsamnesie
anzuregen, v.a. mittels Befragung und
Traumdeutung. Einmal besuchte sie zusammen mit
der Patientin das Grab der Mutter in der
naheliegenden Stadt.
Im Verlauf der nach wie vor
ohne Erinnerung bleibenden Therapiegespräche
wurde die Patientin zunehmend verzweifelter:
"Warum fragen Sie immer wieder nach dieser
Zeit mit dem Vater? Ich kann mich nicht erinnern,
habe nur das Gefühl, das alles gut war!"
Daraufhin antwortete die
Therapeutin recht spontan: "Bei Ihrer
Störung kommt es nicht gerade selten vor, daß
die davon Betroffenen in der Kindheit sexuell
mißbraucht wurden."
In der Folge dieser
Bemerkung stellten sich bei der Patientin der Tat
zahlreiche Erinnerungen ein, die sie selbst sehr
beunruhigten, die die Therapeutin jedoch darin
bestärkten, "auf der richtigen
Fährte" zu sein. Die Patientin berichtete
beispielsweise davon, sich daran zu erinnern, wie
ihr Vater im Schlafanzug in die Küche kam (und
durch den halb geöffneten Hosenschlitz konnte
sie den Penis erkennen). Sie erinnerte sich
weiter, wie der Vater sie auf den Arm genommen
habe und mit ihr im Raum hin und her getanzt sei.
Innerlich erheblich beunruhigt fuhr die Patientin
kurz darauf selbst zum Vater und stellte ihn
kurzerhand zur Rede: "Sag mal,
was ist damals passiert? Hast Du mich sexuell
mißbraucht?"
Der Vater reagierte empört: "Bist Du
verrückt?!"
Als die Patientin davon ihrer Therapeutin
erzählte, bemerkte diese spontan: "Mauer
des Schweigens! Das, was sie gerade erlebt haben,
ist nicht ungewöhnlich..."
In der Folgezeit verfiel die Patientin zunehmend
in eine Depression. Nach einem Suizidversuch
wurde sie in eine psychiatrische Klinik
überwiesen.
Eine Klinik-Therapeutin, die die Behandlung
stationär fortführte, bestellte nach
Akteneinsicht und Rücksprache mit ihrer
Vorgängerin den Vater zu einem Gespräch ein.
Dieser berichtete (wenn auch erst nach einigem
Zögern), daß er am Tod der Mutter
verantwortlich sei. Er habe seine Frau beim
rasantem Rücksetzen mit dem Wagen überfahren.
Wenige Tage später sei sie an den Unfallfolgen
verstorben.
Er hatte von Schuldgefühlen geplagt
bis heute nie gewagt, seiner Tochter den
Unfallhergang wahrheitsgemäß zu erzählen. Im
Gegenteil habe er alles getan, "alles nur
erdenklich Gute" für die Tochter zu
unternehmen. Trotz aller Bemühungen sei er damit
jedoch "gescheitert", weshalb die
Großeltern die Erziehung übernommen hätten.
Auch diese hatten bisher nie mit der Patientin
über den Unfalltod der Mutter gesprochen. Die
Patientin wisse vermutlich bis heute nicht, wie
die Mutter ums Leben gekommen sei.
Der Tod der Mutter im Alter von fünf Jahren! Der
Verlust eines zentralen Bindungsobjektes! Und nie
bisher gab es für die Patientin wegen
eines gut gehüteten
"Familiengeheimnisses" eine
Möglichkeit, das Trauma des Verlustes ihrer bis
dahin emotional bedeutsamsten Bezugsperson zu
verarbeiten. Der nicht verarbeitete Tod der
Mutter vor dem zehnten Lebensjahr ist nach allem
Wissen, was dazu aus der Life-Event-Forschung
vorliegt, "Trauma" genug, um in den
Folgejahren eine
Borderline-Persönlichkeitsstörung oder auch
Depression zu entwickeln.
Im Verlauf der Behandlung jedenfalls erwies sich
die (zeitweilig gemeinsam mit dem Vater erfolgte)
Aufarbeitung dieser Traumagenese als zentral für
einen späteren Behandlungserfolg. Viele
Erinnerungen stellten sich wieder ein
Erinnerungen an Ereignisse, in denen der Vater
und die Großeltern alles unternommen hatten, der
Patientin eine schöne Kindheit zu geben. Über
das Kindheitstrauma selbst jedoch wurde nie
gesprochen.
Kurz nach Abschluß der Behandlung verstarb der
Vater nach einem Herzinfarkt. Das war vor drei
Jahren. Zweifel an der Aufrichtigkeit des Vaters
quälen die Patientin bis heute...
Anonymus
|