VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN

Heft 2 - 1998

Erfahrungsseelenkunde

In ein Wechselbad der Gefühle stürzt mich gerade die Lektüre des Buches "Die mißbrauchte Erinnerung. Von einer Therapie, die Väter zu Tätern macht" von Offshe und Watters. Mir fällt dazu selbst eine Geschichte ein, die mich nach wie vor nicht in Ruhe läßt.
Eine 32jährige Frau mit prolongierter Kindheitsamnesie – (sie kann sich kaum an Ereignisse vor dem neunten Lebensjahr erinnern) – berichtete ihrer Therapeutin, daß ihre Mutter plötzlich gestorben sei, als sie selbst erst fünf Jahre alt war. Sie wisse davon jedoch nur aus Berichten ihres Vaters und der Großeltern. Sie selbst könne sich an diese Zeit gar nicht mehr erinnern.
Nach dem Tod der Mutter habe der Vater für vier Jahre die alleinige Erziehung des Kindes übernommen. Auch an diese Zeit fehlten der Patientin die meisten Erinnerungen – jedenfalls sei sie sich nicht sicher, ob die wenigen Dinge, an die sie sich erinnere, nicht nur aus Erzählungen von Verwandten oder Bekannten stammten.
Sie selbst kann sich erst wieder kontinuierlicher an jene Zeit erinnern, als ihre weitere Erziehung ab etwa 10 Jahren schließlich von den Großeltern übernommen wurde. Sie kam damals auffällig schlecht in der Schule voran und hatte sich zunehmend vom Klassenleben isoliert. Als die erfolgreiche Versetzung in die vierte Klasse nicht mehr sicher war, hatten die Großeltern ihre weitere Erziehung übernommen.

Vier Jahre lang, nach dem Tod der Mutter und im Alter zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr, lebte sie also mit dem Vater allein: eine Zeit ohne Erinnerung...

Die Therapeutin stellte nach einiger Therapiezeit die Diagnose "Borderline-Persönlichkeitsstörung". Die Therapeutin hatte zudem bereits über mögliche Zusammenhänge der Borderlinestörung mit sexuellem Mißbrauch in der Kindheit gelesen. Sie versuchte daraufhin wiederholt und auf unterschiedliche Weise, die Erinnerung an die Zeit der prolongierten Kindheitsamnesie anzuregen, v.a. mittels Befragung und Traumdeutung. Einmal besuchte sie zusammen mit der Patientin das Grab der Mutter in der naheliegenden Stadt.

Im Verlauf der nach wie vor ohne Erinnerung bleibenden Therapiegespräche wurde die Patientin zunehmend verzweifelter: "Warum fragen Sie immer wieder nach dieser Zeit mit dem Vater? Ich kann mich nicht erinnern, habe nur das Gefühl, das alles gut war!"

Daraufhin antwortete die Therapeutin recht spontan: "Bei Ihrer Störung kommt es nicht gerade selten vor, daß die davon Betroffenen in der Kindheit sexuell mißbraucht wurden."

In der Folge dieser Bemerkung stellten sich bei der Patientin der Tat zahlreiche Erinnerungen ein, die sie selbst sehr beunruhigten, die die Therapeutin jedoch darin bestärkten, "auf der richtigen Fährte" zu sein. Die Patientin berichtete beispielsweise davon, sich daran zu erinnern, wie ihr Vater im Schlafanzug in die Küche kam (und durch den halb geöffneten Hosenschlitz konnte sie den Penis erkennen). Sie erinnerte sich weiter, wie der Vater sie auf den Arm genommen habe und mit ihr im Raum hin und her getanzt sei.
Innerlich erheblich beunruhigt fuhr die Patientin kurz darauf selbst zum Vater und stellte ihn kurzerhand zur Rede: "Sag’ ‘mal, was ist damals passiert? Hast Du mich sexuell mißbraucht?"
Der Vater reagierte empört: "Bist Du verrückt?!"
Als die Patientin davon ihrer Therapeutin erzählte, bemerkte diese spontan: "Mauer des Schweigens! Das, was sie gerade erlebt haben, ist nicht ungewöhnlich..."
In der Folgezeit verfiel die Patientin zunehmend in eine Depression. Nach einem Suizidversuch wurde sie in eine psychiatrische Klinik überwiesen.
Eine Klinik-Therapeutin, die die Behandlung stationär fortführte, bestellte nach Akteneinsicht und Rücksprache mit ihrer Vorgängerin den Vater zu einem Gespräch ein. Dieser berichtete (wenn auch erst nach einigem Zögern), daß er am Tod der Mutter verantwortlich sei. Er habe seine Frau beim rasantem Rücksetzen mit dem Wagen überfahren. Wenige Tage später sei sie an den Unfallfolgen verstorben.
Er hatte – von Schuldgefühlen geplagt – bis heute nie gewagt, seiner Tochter den Unfallhergang wahrheitsgemäß zu erzählen. Im Gegenteil habe er alles getan, "alles nur erdenklich Gute" für die Tochter zu unternehmen. Trotz aller Bemühungen sei er damit jedoch "gescheitert", weshalb die Großeltern die Erziehung übernommen hätten.
Auch diese hatten bisher nie mit der Patientin über den Unfalltod der Mutter gesprochen. Die Patientin wisse vermutlich bis heute nicht, wie die Mutter ums Leben gekommen sei.
Der Tod der Mutter im Alter von fünf Jahren! Der Verlust eines zentralen Bindungsobjektes! Und nie bisher gab es für die Patientin – wegen eines gut gehüteten "Familiengeheimnisses" – eine Möglichkeit, das Trauma des Verlustes ihrer bis dahin emotional bedeutsamsten Bezugsperson zu verarbeiten. Der nicht verarbeitete Tod der Mutter vor dem zehnten Lebensjahr ist nach allem Wissen, was dazu aus der Life-Event-Forschung vorliegt, "Trauma" genug, um in den Folgejahren eine Borderline-Persönlichkeitsstörung oder auch Depression zu entwickeln.
Im Verlauf der Behandlung jedenfalls erwies sich die (zeitweilig gemeinsam mit dem Vater erfolgte) Aufarbeitung dieser Traumagenese als zentral für einen späteren Behandlungserfolg. Viele Erinnerungen stellten sich wieder ein – Erinnerungen an Ereignisse, in denen der Vater und die Großeltern alles unternommen hatten, der Patientin eine schöne Kindheit zu geben. Über das Kindheitstrauma selbst jedoch wurde nie gesprochen.
Kurz nach Abschluß der Behandlung verstarb der Vater nach einem Herzinfarkt. Das war vor drei Jahren. Zweifel an der Aufrichtigkeit des Vaters quälen die Patientin bis heute...

Anonymus


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